Mit Marx gegen Marx 18: Venceremos Rothbarderos

»Die marxistische Wendung, ›an die Stelle der Regierung über Personen tritt die Verwaltung von Sachen‹,[1] lässt sich interessanterweise auf den großen französischen laissez-faire-Liberalen des frühen 19. Jahrhunderts […] zurückverfolgen. […] Lenin […] markierte die ›konservativen‹ Stränge in den Schriften von Marx und Engels selbst, die den Staat oft rechtfertigten, den westlichen Imperialismus und aggressiven Nationalismus; diese ambivalenten Motive der Meister zu dem Thema war für die Mehrheit der Marxisten Grund genug, in das Lager der ›Sozialimperialisten‹ überzugehen. Das Lager von Lenin wandte sich weiter nach ›links‹ als Marx und Engels selbst. Lenin nahm eine entschiedenere revolutionäre Haltung zum Staat ein und verteidigte konsequent Bewegungen der nationalen Befreiung gegen den Imperialismus. Der leninistische Linksruck betraf auch andere Bereiche. Während Marx seinen Angriff auf den Marktkapitalismus als solchen richtete, lag das Augenmerk Lenins auf dam, was er als das höchste Stadium des Kapitalismus ansah: Imperialismus und Monopole. Darum richtet sich der Fokus von Lenin praktisch gesehen auf das Staatsmonopol und den Imperialismus mehr als auf den laissez-faire-Kapitalismus.«[2]

 

[1] Weiter: »Der Staat wird nicht ›abgeschafft«, er stirbt ab.« Friedrich Engels, Anti-Dühring (1878), MEW 20, S. 262.

[2] Murray Rothbard, Left and Right (1965), San Francisco 1979, S. 11ff.

Mit Marx gegen Marx 17

[Für den Kommunismus] ist die Herrschaft des sachlichen Eigentums so groß ihm gegenüber, daß er alles vernichten will, was nicht fähig ist, als Privateigentum von allen besessen [zu] werden; er will auf gewaltsame Weise von Talent etc. abstrahieren. […] Dieser Kommunismus – indem er die Persönlichkeit des Menschen überall negiert – ist eben nur der konsequente Ausdruck des Privateigentums, welches diese Negation ist. Der allgemeine und als Macht sich konstituierende Neid ist die versteckte Form, in welcher die Habsucht sich herstellt und nur auf eine andre Weise sich befriedigt. Der Gedanke jedes Privateigentums als eines solchen ist wenigstens gegen das reichere Privateigentum als Neid und Nivellierungssucht gekehrt, so daß diese sogar das Wesen der Konkurrenz ausmachen. Der rohe Kommunist ist nur die Vollendung dieses Neides und dieser Nivellierung von dem vorgestellten Minimum aus. Er hat ein bestimmtes begrenztes Maß. Wie wenig diese Aufhebung des Privateigentums eine wirkliche Aneignung ist, beweist eben die abstrakte Negation der ganzen Welt der Bildung und der Zivilisation. […] Die Gemeinschaft ist nur eine Gemeinschaft der Arbeit und die Gleichheit des Salärs.[1]

Wie?, Enteignung sollte zur wahren Aneignung und wahre Aneignung sollte nicht zu – wahrem Eigentum führen?

 

[1] Ökonomisch-philosophische Manuskripte (1844), MEW 40, S. 534f.

Mit Marx gegen Marx 16

1. »In einem Land, welches die letztmögliche Stufe seines Reichtums erreicht hätte, wären beide, Arbeitslohn und Kapitalinteresse, sehr niedrig. Die Konkurrenz unter den Arbeitern, um Beschäftigung Zu erhalten, wäre so groß, daß die Salaire auf das reduziert wären, was zur Erhaltung der nämlichen Zahl von Arbeitern hinreicht, und da das Land sich schon hinreichend bevölkert hätte, könnte sich diese Zahl nicht vermehren.«[1]

2. »›Einer, der z.B. ein großes Vermögen erbt, erwirbt dadurch zwar nicht unmittelbar politische Macht. Die Art von Macht, die diese Besitzung ihm unmittelbar und direkt überträgt, das ist die Macht zu kaufen, das ist ein Recht des Befehls über alle Arbeit von andern oder über alles Produkt dieser Arbeit, welches zur Zeit auf dem Markt existiert.‹ Smith. Das Kapital ist also die Regierungsgewalt über die Arbeit und ihre Produkte.«[2]

3. »Der Profit oder Gewinn des Kapitals ist ganz vom Arbeitslohn verschieden. Diese Verschiedenheit zeigt sich in doppelter Weise: Einmal regeln sich die Gewinne des Kapitals gänzlich nach dem Wert des angewandten Kapitals, obgleich die Arbeit der Aufsicht und Direktion bei verschiedenen Kapitalien die nämliche sein kann. Dann kömmt hinzu, daß in großen Fabriken diese ganze Arbeit einem Hauptkommis anvertraut ist, dessen Gehalt in keinem Verhältnis mit dem Kapital steht, dessen Leistung er überwacht. Obgleich sich hier nun die Arbeit des Proprietärs fast auf nichts reduziert, verlangt er doch Profite im Verhältnis zu seinem Kapital. Smith.«[3]

4. »›Produktiver Arbeiter [ist] derjenige, der unmittelbar seines Meisters Reichtum vermehrt‹, sagt Malthus.« Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 1858, MEW 42, S. 227.

5. »In dem Urzustand gehört das Produkt der Arbeit ganz dem Arbeiter. […] Sobald aber Vorrat sich in den Händen von Privatleuten aufhäuft, löst sich der Wert, den die Arbeiter dem Gegenstand hinzufügen, in 2 Teile auf, wovon der eine ihre Salaire, der andre den Profit bezahlt, welchen der Unternehmer auf die Summe des stocks macht, der ihm gedient hat, diese Salaire und die Arbeitsmaterie zu avancieren. Er hätte kein Interesse,[4] diese Arbeiter anzuwenden, wenn er nicht vom Verkauf ihres Werkes etwas mehr erwartete, als ihm nötig ist, um den Fonds zu ersetzen, und er hätte kein Interesse, eher eine große als eine kleine Summe von Fonds anzuwenden, wenn seine Profite nicht in irgendeiner Proportion mit dem Umfang der angewandten Fonds stünden.«[5]

6. »›Um es einem bedeutenden Teil des Gemeinwesens zu ermöglichen, die Vorzüge der Muße zu genießen, muß der Kapitalgewinn offensichtlich groß sein.‹ James Mil.«[6]

7. »Der Verlust einer Arbeitsstunde pro Tag stellt einen außerordentlich großen Schaden für einen Handelsstaat dar. Der Konsum von Luxusgütern unter den arbeitenden Armen dieses Königsreichs ist sehr groß; besonders unter dem Manufakturpöbel: dabei konsumieren sie aber auch ihre Zeit, ein Verbrauch, verhängnisvoller als jeder andre.«[7]

8. »Wenn es für eine göttliche Einrichtung gilt, den siebenten Tag der Woche zu feiern, so schließt dies ein, daß die andren Wochentage der Arbeit angehören, und es kann nicht grausam gescholten werden, dies Gebot Gottes zu erzwingen … Daß die Menschheit im allgemeinen von Natur zur Bequemlichkeit und Trägheit neigt, davon machen wir die fatale Erfahrung im Betragen unsres Manufakturpöbels, der durchschnittlich nicht über 4 Tage die Woche arbeitet, außer im Fall einer Teuerung der Lebensmittel … Gesetzt, ein Bushel Weizen repräsentiere alle Lebensmittel des Arbeiters, koste 5 sh., und der Arbeiter verdiene einen Schilling täglich durch seine Arbeit. Dann braucht er bloß 5 Tage in der Woche zu arbeiten; nur 4, wenn der Bushel 4 sh. beträgt… Da aber der Arbeitslohn in diesem Königreich viel höher steht, verglichen mit dem Preise der Lebensmittel, so besitzt der Manufakturarbeiter, der 4 Tage arbeitet, einen Geldüberschuß, womit er während des Rests der Woche müßig lebt. […] Es ist außerordentlich gefährlich, mobs in einem kommerziellen Staat, wie dem unsrigen, zu encouragieren, wo vielleicht 7 Teile von den 8 der Gesamtbevölkerung Leute mit wenig oder keinem Eigentum sind … Die Kur wird nicht vollständig sein, bis unsre industriellen Armen sich bescheiden, 6 Tage für dieselbe Summe zu arbeiten, die sie nun in 4 Tagen verdienen.«[8]

Bei solchen Freunden des Kapitalismus, hülfe es ihm da nicht, einen von dessen Feinden, den Kommunisten Marx, in seinen wahren Verteidiger zu wandeln?

 

[1] Adam Smith. Zit. in: Ökonomisch-philosophische Manuskripte, 1844, MEW 40, S. 475.

[2] Ökonomisch-philosophische Manuskripte, 1844, MEW 40, S. 484.

[3] Zit. in: Ökonomisch-philosophische Manuskripte, 1844, MEW 40, S. 484.

[4] Bemerkenswert, wie leichtsinnig Adam Smith hier das Interesse des Kapitalisten als das Bestimmende für den Preis annimmt, als ob es nicht auf die Bereitschaft der Nachfrager ankäme, einen bestimmten Preis zu zahlen. Der Fehler liegt bei Smith, nicht bei Marx.

[5] Adam Smith, zit. in: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 1858, MEW 42, S. 515.

[6] Ökonomisches Manuskript 1861-1863, MEW 43, S. 201.

[7] J. Cunningham, An Essay on Trade and Commerce   (1770), zit. in: Kapital I, 1867, MEW 23, S. 247.

[8] J. Cunningham, An Essay on Trade and Commerce   (1770), zit. in: Kapital I, 1867, MEW 23, S. 291f.

Mit Marx gegen Marx 15

Kommentar zu »Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses«, unveröffentlichtes VI. Kapitel des 1. Kapital-Bandes.[1] Auf die »Resultate« bin ich durch Claudio Napoleoni aufmerksam geworden. Sein Buch »Ricardo und Marx«[2] hat nicht nur das Verdienst, David Ricardo als die Grundlage von Marx zu erweisen, sondern auch das Problem der »Transformation« der Werte (Arbeitsquanten) in Preise als ungelöst stehen zu lassen. Da, sofern das Tranformations-Problem ungelöst bleibt, das Marxsche System der Arbeitswertlehre, wenn wir die Arbeitswertlehre denn als »Marxsch« ausgeben wollen, in sich zusammenfällt, zeigt es den religiösen Charakter des Marxismus an, dass sich Napoleoni trotzdem weiter »in ihm« bewegen will. An Marx festzuhalten, wäre mithin nur möglich, indem wir die Arbeitswertlehre als nicht zu Marx, sondern zu Ricardo gehörig kennzeichnen, und Marx Zurückweisung von Ricardo wie einen Subtext lesen: Marx weist die Widersprüche in Ricardo als den Theoretiker des Kapitalismus nach, dadurch aber wird es möglich, den Kapitalismus zu legitimieren; einen anderen Kapitalismus freilich als den, der historische Realität erlangt hat. Das werde ich noch näher erläutern, hier aber schon mal den dazugehörigen Begriff in die Welt setzen: Kapitalixmus.

1. »Daß der Arbeiter die Hälfte des Arbeitstags für sich, die andere Hälfte gratis für den Kapitalisten arbeitet«,[3] also die Mehrwertproduktion, wird in diesem Text stets vorausgesetzt, nie aber abgeleitet im Sinne einer Erklärung, warum bzw. unter welchen Bedingungen der Arbeiter zu dieser Mehrarbeit bereit sei. Marxisten neigen dazu, die Bereitschaft zur Mehrarbeit einfach als aus der Not der Arbeiter geboren hinzunehmen, sich reproduzieren zu müssen. Jedoch setzt diese Not voraus, dass der Arbeiter keine Alternative hat. Und dass er die nicht hat, ist erklärungsbedürftig. Marx wusste das.[4]

2. »Ihren Tauschwert erhält diese selbständige, von ihrem Gebrauchswert durchaus unabhängige Form, als bloßes Dasein der materialisierten gesellschaftlichen Arbeitszeit, ihn ihrem Preise, worin der Tauschwert als Tauschwert, d.h. als Geld ausgedrückt ist«.[5] Anders als an den Stellen, wo Marx den »Unterschied und Widerspruch zwischen Wert und Preis«[6] herausarbeitet, ist hier der Preis direkter, analoger und mechanischer Ausdruck des »Wertes« (der Arbeitszeit).[7] Veränderungen des Preises ergeben sich (bei Preissenkung) aus der Erhöhung der »Produktivität oder Produktivkraft der Arbeit«.[8] Dann wächst die Masse, die »Anzahl Waren, die verkauft werden müssen«,[9] als ob nicht Angebot (bei Marx oft: »Zufuhr«) und Nachfrage eine Rolle spielen würden, als regele nicht die Konkurrenz den Preis.[10] Daraus würde folgen, dass ein Kapitalist seine Waren lieber nicht verkauft als »unter Wert«. Das leuchtet nicht ein, denn bei Nichtverkauf ist sein Verlust größer als beim Verkauf zu einem niedrigeren Preis; und dieser Verkauf wüchse sich erst dann zu einem wirklichen Verlust aus, wenn der Preisabschlag den Betrag des Mehrwerts überschreitet. Und selbst in solch einem Falle gilt, dass der Verlust um so geringer ist, um so mehr Waren der Kapitalist verkauft, egal zu welch niedrigem Preis. Sollte Marx der Widerspruch nicht aufgefallen sein? Ich gehe davon aus, dass er ihn darum ungelöst stehen lassen konnte, weil es nicht der Widerspruch seiner Theorie, sondern der Theorie von Ricardo ist, die Marx in der Tat als falsch erweisen wollte.

3. Marx »löst« das Problem der klassischen liberalen Ökonomie, den Preis (einer Ware) mit einem Preis (nämlich dem der Arbeit) zu erklären, also nichts zu erklären, bekanntlich mit dem Theorem, der Preis der Arbeit sei die Arbeitszeit, die nötig ist, um die Reproduktion der Arbeit zu gewährleisten.[11] Damit löst er weniger, als die Marxisten es gern hätten. Denn was ist das »Lebensminimum«? Und was heißt es für die Theorie, wenn die Löhne über das absolute Existenzminimum hinaus steigen? So erwähnt Marx z.B. Zeitungen, die »in die notwendigen Lebensmittel des englischen städtischen Arbeiters eingehen«.[12] Was heißt hier notwendig? Inwieweit sind Zeitungen notwendig für die Reproduktion der reinen Arbeitskraft? Ernest Mandel spricht von »moralisch-historischen Reproduktionskosten der Arbeitskraft«,[13] die nicht genügend in den Lohn eingingen.[14] Andererseits kann durch »Klassenkampf« (durch Gewerkschaften erreichte Lohnerhöhungen) die Mehrwertrate gesenkt werden.[15] Außerdem erzwingt die Konkurrenz, so entwickelt Marx es im 3. Band des Kapitals, dass sich die Mehrwertrate, die in den einzelnen Industriezweigen unterschiedlich ist, über den Preis vereinheitlicht.[16] Insofern finden sich manche Kapitalisten bereit, auf einen Teil ihres Mehrwerts zu verzichten, ihn zu vergesellschaften.[17] Darum ist die einfache Formel, der Lohn sei die Arbeitzeit, die dem unmittelbaren Existenzminimum des Arbeiters entspricht, der Rest sei Mehrwert des Kapitals, weil der Arbeitstag länger dauert als diese zur Reproduktion notwendige Arbeitszeit betrage, nicht haltbar. Wenn bei Ernest Mandel wie Claudio Napoleoni die Mehrwertrate dann nur als Differenz zwischen Arbeitslohn und realisierten Warenpreisen minus der Material- und Maschinenkosten erscheint (also die Bezugnahme auf das Existenzminimum wegfällt, weil sie einer empirischen Überprüfung nicht standhält), so kann das nur angehen, insofern in dieser Differenzsumme »keine aktive Teilnahme des Kapitalisten am Produktionsprozess«[18] enthalten ist. Marx erkannte allerdings einen »Arbeitslohn des Kapitalisten« als »Aufsichts- und Verwaltungslohn« an;[19] er ist »nicht Aneignung von fremder Arbeit, sondern Wertschöpfung eigner Arbeit. Dieser Teil des Mehrwerts ist also gar nicht mehr Mehrwert, sondern das Gegenteil, Äquivalent für vollbrachte Arbeit«.[20] Was könnten nach Marx die Leistungen des Kapitalisten sein?

A. Das »vorgeschossene Kapital«[21] ist nach Marx zumindest vordergründig keine Leistung, sondern »nur ein andrer Name für Mehrwert«.[22] Marx’ Lebenslange Polemik gegen Jean-Pierre Proudhon[23] hat ihm hier die Sicht verstellt. Obgleich Proudhon nicht Recht hatte, den Zins zu verdammen (denn der Zins ist der Preis für produktive Arbeit, deren Produkte nicht unmittelbar verzehrt, sondern der Produktion zur Verfügung gestellt werden, also ist der Zins der Preis des Aufschubs), so hatte er doch einen interessanten Punkt: Wenn die Arbeiter sich gegenseitig die Arbeit »vorschießen«, also auch den Nutzen aus dem Aufschub ziehen, können sie den Umweg über den in Geld ausgezahlten Zins umgehen.[24] Da Marx die Geldillusion der Kapitalbildung strikt ablehnte,[25] sondern nur die reale Maschinerie zu solcher befähigt sah, hätte auch er an dieser Stelle beweisen müssen, wie das herrschende System der Ausbeutung die Arbeiter daran hindert, den Weg der Gegenseitigkeit, des Proudhonschen »Mutualismus« zu gehen. Immerhin bemerkt Marx, dass die Löhne in England den Arbeitern in gewissem Umfang erlauben zu »schatzbildnern«.[26] Hinderungsgründe wäre politische, nicht ökonomische.

B. Marx benennt zwar das »Risiko«,[27] dass sich die in den Produktionsprozess hineingegebenen Werte nicht realisieren, wehrt diese jedoch ab mit dem Argument, ein solches Risiko sei »jedem Produktionsprozeß eigen«, es falle auf den Kapitalisten »nur, weil er das Eigentum an den Produktionsmitteln usurpiert« habe. Ein schwaches Argument, denn ob er das Eigentum usurpiert hat oder nicht, er trägt das Risiko und dies ist etwas Wert, etwa ausgedrückt in einer Versicherungssumme. Im »Kritik des Gothaer Programms« bezeichnet Marx ausdrücklich »Reserve- oder Assekuranzfonds gegen Missfälle, Störungen durch Naturereignisse etc.« als berechtigten Abzug vom Lohn (also berechtigte Zurückhaltung der Auszahlung des im Warenpreis realisierten Geldes an den Arbeiter).[28]

C. Die »Güte« der Rohmaterialien, Funktionsfähigkeit von Maschinen, Vermeidung von Vergeudung, Qualität der Produkte sind »Sache des Kapitalisten«, gehören zur »Aufsicht und Disziplin des Kapitalisten«.[29] Das sind sicherlich Leistungen, die einen Unternehmerlohn »erheischen«. Versteckt reklamiert Marx an dieser Stelle sogar die »Güte [der Waren] als Gebrauchswerte«, was ja so viel heißt wie die Waren auf die Bedürfnisse der Käufer abzustimmen. Was allerdings hier wie überall fehlt, ist die Sorge für die Verkäuflichkeit. Das ist kein zufälliges Versäumnis. Denn bei Marx – und hierin folgen ihm die Marxisten blind – ist der Verkauf, also die Realisierung des Preises ein gleichsam automatisch ablaufender Vorgang, ebenso scheinbar wie von Geisterhand und nicht durch Erfindungen und Entscheidungen die »Einführung der Maschinerie«[30] erfolgt.

D. »Das Resultat der kapitalistischen Produktionsweise [ist es], die Produktivität der Arbeit fortwährend [zu steigern ] … und daher den Preis der einzelnen Ware zu senken oder die Warenpreise überhaupt zu verwohlfeilern«.[31] Entgegen der absoluten Verelendungstheorie, die Marx zugeschrieben wird,[32] ist die Steigerung der Produktivität nicht mit Steigerung der Ausbeutung verbunden, jedenfalls nicht im Sinne des Herabdrückens der Löhne; der Geldlohn der Fabrikarbeiter steigt »trotz Verkürzug des Arbeitstages.[33] Die Produktivitätssteigerung und damit die Verbesserung der Lebensbedingung der Arbeiter ist hier wohlgemerkt von Marx als Leistung des Kapitals und nicht der Arbeit gekennzeichnet, denn die Arbeit ist als Verausgabung von körperlicher Kraft ganz und gar gleich geblieben. Sie wird produktiver durch Anwendung der Maschinerie und durch kluge »Aufsicht« des Kapitalisten. Die Unterstellung, Kapitalismus sei »Produktion um der Produktion willen«,[34] steht unvermittelt der Analyse gegen über »historisch betrachtet« sei er notwendig, »um die Schöpfung des Reichtums als solchen, d.h. der rücksichtslosen Produktivkräfte der gesellschaftlichen Arbeit, welche allein die materielle Basis einer freien menschlichen Gesellschaft bilden können«.[35] Der Zusatz »auf Kosten der Mehrzahl« leuchtet nicht ein, wenn nicht angenommen wird, dass die vermehrten und »verwohlfeilten« Waren ausschließlich von den Kapitalisten konsumiert werden. Rückwärtsgewandte Beschwörungen der »guten alten Zeiten« verspottet Marx als »Klagelied der Konservativen«.[36]

 

[1] Nicht in den MEW enthalten, zit. n. Berlin 2009; verfasst ca. 1866; Erstveröffentlichung 1933. Abgekürzt Resultate.

[2] Claudio Napoleoni, Ricardo und Marx (1972), Frankfurt/M. 1974.

[3] Resultate, S. 29.

[4] In Nordamerika »sind die Klassengegensätze nur unvollständig entwickelt; die Klassenkollisionen werden jedesmal vertuscht durch den Abzug der proletarischen Überbevölkerung nach dem Westen; das Einschreiten der Staatsmacht, im Osten auf ein Minimum reduziert, existiert im Westen gar nicht.« Aus einer Rezension 1850, MEW 7, S. 288. »In den Vereinigten Staaten von Nordamerika [bestehn] zwar schon Klassen, [haben] aber sich noch nicht fixiert, sondern [wechseln] in beständigem Flusse fortwährend ihre Bestandteile und [treten sie] aneinander ab, wo die modernen Produktionsmittel, statt mit einer stagnanten Übervölkerung zusammenzufallen, vielmehr den relativen Mangel an Köpfen und Händen ersetzen, und wo endlich die fieberhaft jugendliche Bewegung der materiellen Produktion, die eine neue Welt sich anzueignen hat, weder Zeit noch Gelegenheit ließ, die alte Geisterwelt abzuschaffen.« Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, 1852, MEW 8, S. 122f.

[5] Resultate, S. 27.

[6] Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 1858, MEW 42, S73ff. »Der Warenpreis steht beständig über oder unter dem Warenwert, und der Warenwert selbst existiert nur in dem up and down der Warenpreise. Nachfrage und Zufuhr bestimmen beständig die Warenpreise; decken sich nie oder nur zufällig« (S.73).

[7] Dieser Widerspruch durchzieht die marxistische Theoriebildung. Ernest Mandel, der die Polemik von Marx gegen das »eherne Lohngesetz« Ferdinand Lassalles, das »naturnotwendig die Höhe des Arbeitslohn« bestimme, aufnimmt und den Lohn als durch den »Klassenkampf« bestimmt erscheinen lässt (Der Spätkapitalismus, S. 140), behauptet einige Seiten später, es gelinge dem Kapital bisweilen »den Preis der Ware Arbeitskraft unter ihren Wert zu drücken« (S. 141f). Aber was ist dieser (objektive) »Wert«, wenn der Preis doch stets ausgehandelt wird?

[8] Resultate, S. 30f.

[9] Resultate, S. 44.

[10] »Gilt deine Arbeitsstunde soviel wie die meinige? Diese Frage wird durch die Konkurrenz entschieden. | Die Arbeit ›gilt‹ mehr oder weniger, je nachdem die Lebens­mittelpreise höher oder niedriger sind, je nachdem Angebot von und Nachfrage nach Arbeitskräften in diesem oder jenem Grade vorhanden ist etc.« Das Elend der Philosophie, 1847, MEW 4, S. 85|88.

[11] »Was ist nun also der Wert der Arbeitskraft? Wie der jeder andern Ware ist der Wert bestimmt durch das zu ihrer Produktion notwendige Arbeitsquantum. Die Arbeitskraft eines Menschen existiert nur in seiner lebendigen Leiblichkeit. Eine gewisse Menge Lebensmittel muß ein Mensch konsumieren, um aufzuwachsen und sich am Leben zu erhalten.« Lohn, Preis und Profit, 1865, MEW 16, S. 131.

[12] Resultate, S. 115

[13] Ernest Mandel, Der Spätkapitalismus, Frankfurt/M. 1972, S. 63. Marx spricht von einem »traditionelle Lebensstandard« (also nicht bloßem physischen Existenzminimum): Lohn Preis und Profit, 1865, MEW 16, S. 148.

[14] Später im Text gesteht Mandel allerdings zu, »neue Waren« würden »dem Existenzminimum einverleibt«, »gewohnheitsmäßig« (Der Spätkapitalismus S. 139), und weist wütend die Behauptung zurück, Marx habe die absolute Verelendungstheorie mit notwendig sinkendem Realeinkommen der Arbeiter vertreten (ebd., S. 146ff).

[15] Mandel, S. 37f.

[16] Naopleoni, S. 174ff.

[17] Mandel, S. 91.

[18] Napoleoni, S. 209.

[19] Kapital III, 1865, MEW 25, S. 402.

[20] Revenue and its sources, 1862, MEW 26.3, S. 486.

[21] Resultate, S. 29.

[22] Resultate, S. 103

[23] Besonders Das Elend der Philosophie, 1847, MEW 4, S. 63ff; Revenue and its sources, 1862, MEW 26.3, S. 512ff; Resultate, 1867, 48ff.

[24] Ganz präzise ist Proudhon nicht (und diese begriffliche Schlamperei wirft Marx ihm zurecht vor), denn der Zins ist nicht verschwunden, sondern versteckt darin, dass diejenigen, die das Kapital vorschießen, auch an der Produktion partizipieren.

[25] »Eselei [ist es, das] Geld als Wert des Kapitals [zu] verwechseln mit dem reel vorhandenen Metallgeld. In den Krisen ist das Kapital (als Ware) unaustauschbar, nicht weil zu wenig Zirkulationsmittel vorhanden; sondern es zirkuliert nicht, weil es nicht austauschbar. Die Bedeutung, die in Krisen das bare Geld bekommt, rührt nur daher, daß, während Kapital nicht austauschbar gegen seinen Wert – und nur darum erscheint ihm dieser gegenüber in der Form des Geldes fixiert –, Verpflichtungen zu zahlen sind; neben der unterbrochenen Zirkulation eine Zwangszirkulation stattfindet.« Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 1858, MEW 42, S. 501.

[26] Resultate, S. 115.

[27] Resultate, S. 65.

[28] Kritik des Gothaer Programms, 1875, MEW 19, S. 19.

[29] Resultate, S. 64.

[30] Resultate, S. 118.

[31] Resultate, S. 33.

[32] und die er an manchen Stellen auch zu vertreten scheint: »beständig günstigere Umstände für die eine Seite, die Kapitalisten, und beständig ungünstigere für die andre, die Lohnarbeit«, Resultate, S. 148.

[33] »Steigerung des Geldlohns der Fabrikarbeiter trotz der Verkürzung des Arbeitstags, große Zunahme der Zahl der beschäftigten Fabrikarbeiter, anhaltendes Fallen der Preise ihrer Produkte, wunderbare Entwicklung der Produktivkraft ihrer Arbeit, unerhört fortschreitende Ausdehnung der Märkte für ihre Waren. | Die englischen Fabrikarbeiter, Bergleute, Schiffbauer usw., deren Arbeit relativ hoch bezahlt wird, [stechen] durch die Wohlfeilheit ihres Produkts alle andern Nationen aus, während z.B. den englischen Landarbeiter, dessen Arbeit relativ niedrig bezahlt wird, wegen der Teuerkeit seines Produkts fast jede andre Nation aussticht.« 1865, MEW 16, S. 110|119.

[34] Resultate, S. 120.

[35] Resultate, S. 69; ebenso im 3. Kapitalband: »Die Entwicklung der Produktivkräfte der gesellschaftlichen Arbeit ist die historische Aufgabe und Berechtigung des Kapitals.« 1865, MEW 25, S. 269. Wann ist die »historische Aufgabe« erfüllt?

[36] »Toryjeremiade«: Resultate, S. 119.

Mit Marx gegen Marx 14

Diesmal Texte, die zeigen, inwiefern Christan Michel in The Class Struggle is not Over: Why Libertarians Should Read Marx and Engels (1998) berechtigterweise davon ausgehen konnte, dass Marx’ Geschichtsphilosophie zu haben ist, ohne seine* Ökonomie mit schlucken zu müssen: In Marx’ Geschichtsphilosophie liegt der Primat eindeutig bei Gewalt-Staat-Politik. Die folgenden beiden Passagen sind aus den Notizen zur Pariser Kommune 1871. Aber auch die Artikel von Marx zu laufenden Ereignissen in den 1850er und 1860er Jahren gehen fast ausschließlich von politischen, d.h. staatlichen Quellen der Ausbeutung aus. Ganz besonders sei hier auf den Credit mobilier verwiesen, eine Einrichtung von Napoleón III, die eine Vorwegnahme des Keynesianismus darstellt: Marx zeichnet in seinen Kommentaren nach, wie die staatliche Kreditausweitung unweigerlich zu einer Zentralisation der Wirtschaft führt, zu einem kaiserlichen Sozialismus, den er scharf ablehnte (1858, MEW12:020ff, 202ff, 289ff). Und über die Vorschläge des englischen Geldreformers Gray sagt er (ablehnend), dass sie Kapital in Nationalkapital verwandeln, das Grundeigentum in Nationaleigentum, und wenn seiner Bank auf die Finger gesehen wird, findet sich, daß sie nicht bloß mit der einen Hand Waren empfängt und mit der andern Zertifikate gelieferter Arbeit ausgibt, sondern die Produktion selbst reguliert (1859, MEW13:068). Aus dieser Anregung von Christian Michel heraus habe ich Das libertäre Manifest geschrieben.

* Inwieweit es sich um Marx’ Ökonomie handelt, bzw. was an ihr auf das Konto von Marx geht, steht weiterhin zur Debatte. Alle wesentlichen Teile nimmt er aus Aristoteles (Trennung von Gebrauchs- und Tauschwert, Lehre vom Äquivalententausch), Adam Smith (Preis als Faktorenkosten, Kapital als kommandierte Arbeit, Arbeitswertlehre), David Ricardo (Auffassung des Preises als Ausdruck unterschiedlicher Arbeitsquanta, d.h. Zeiteinheiten), Herbert Spencer (Ablehnung des Grundeigentums als ungerecht), Maltus (Lohn der Arbeiter kann nie über das Existenzminimum steigen) und Hegel (die bürgerliche Gesellschaft kann nie reich genug werden, um die Armut zu besiegen) – und diese ganze Dynamik kommt, dieser bürgerlichen Ökonomie zufolge, ganz ohne Staat aus. Sie ist ihnen zufolge natürlich. Dies ist eine Setzung, die Marx bezweifelt. Insofern kann seine Ökonomie nie als gewalt-, staats- und politikfrei gedacht werden: Dies und nichts anderes ist die Setzung von Marx. Das heißt, nicht die Dynamik des Marktes oder des Kapitals aus sich heraus treibt zu Ausbeutung und Zentralisation.

Die Staatsmacht war immer die Macht zur Behauptung der Ordnung, das heißt der bestehenden Gesellschaftsordnung und daher der Unterordnung und Exploitation der produzierenden Klasse durch die aneignende Klasse gewesen. (1871, 17:593.)

Die zentralisierte Staatsmaschinerie, die mit ihren allgegenwärtigen und verwickelten militärischen, bürokratischen, geistlichen und gerichtlichen Organen die lebenskräftige bürgerliche Gesellschaft wie eine Boa constrictor umklammert (umstrickt), wurde zuerst in den Zeiten der absoluten Monarchie als Waffe der entstehenden modernen Gesellschaft in ihrem Kampf um die Emanzipation vom Feudalismus geschmiedet. Die grundherrlichen Vorrechte der mittelalterlichen Feudalherren, Städte und Geistlichkeit wurden in Attribute einer einheitlichen Staatsgewalt verwandelt, die die feudalen Würdenträger durch bezahlte Staatsbeamte ersetzte und die Waffen von den mittelalterlichen Gefolgsleuten der Grundbesitzer und den Korporationen der Städtebürger an ein stehendes Heer übertrug; sie setzte an die Stelle der buntscheckigen (parteigefärbten) Anarchie sich befehdender mittelalterlicher Mächte den geregelten Plan einer Staatsmacht mit einer systematischen und hierarchischen Teilung der Arbeit. Die erste französische Revolution mit ihrer Aufgabe, die nationale Einheit zu begründen (eine Nation zu schaffen), mußte jede lokale, territoriale, städtische und provinzielle Unabhängigkeit beseitigen. Sie war daher gezwungen, das zu entwickeln, was die absolute Monarchie begonnen hatte, die Zentralisation und Organisation der Staatsmacht, und den Umfang und die Attribute der Staatsmacht, die Zahl ihrer Werkzeuge, ihre Unabhängigkeit und ihre übernatürliche Gewalt über die wirkliche Gesellschaft auszudehnen, eine Gewalt, die faktisch den Platz des mittelalterlichen übernatürlichen Himmels mit seinen Heiligen einnahm. Jedes geringfügige Einzelinteresse, das aus den Beziehungen der sozialen Gruppen hervorging, wurde von der Gesellschaft selbst getrennt, fixiert und von ihr unabhängig gemacht und ihr in der Form des Staatsinteresses, das von Staatspriestern mit genau bestimmten hierarchischen Funktionen verwaltet wird, entgegengesetzt. Dieser Schmarotzerauswuchs an der bürgerlichen Gesellschaft, der vorgibt, ihr ideales Ebenbild zu sein, erfuhr seine volle Entwicklung unter der Herrschaft des ersten Bonaparte. Die Restauration und die Julimonarchie fügten ihm nichts hinzu außer einer größeren Arbeitsteilung, die im selben Maße wuchs, wie die Arbeitsteilung innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft neue Interessengruppen und infolgedessen neuen Stoff für die Tätigkeit des Staats schuf. In ihrem Kampf gegen die Revolution von 1848 waren die parlamentarische Republik in Frankreich und alle Regierungen Kontinentaleuropas gezwungen, mit ihren Unterdrückungsmaßnahmen gegen die Volksbewegung die Aktionsmittel und die Zentralisation dieser Regierungsgewalt zu stärken. Alle Revolutionen vervollkommneten auf diese Weise nur die Staatsmaschinerie, statt diesen ertötenden Alp abzuwerfen. Die Fraktionen und Parteien der herrschenden Klassen, die abwechselnd um die Herrschaft kämpften, sahen die Besitzergreifung (Kontrolle) (Bemächtigung) und die Leitung dieser ungeheuren Regierungsmaschinerie als die hauptsächliche Siegesbeute an. Im Mittelpunkt ihrer Tätigkeit stand die Schaffung ungeheurer stehender Armeen, einer Masse von Staatsparasiten und kolossaler Staatsschulden. (1871, 17:538ff.)

Mit Marx gegen Marx 13

Damit hier nun auch der Marx zu Wort kommt, der direkt zu den Zwangskollektivierungen in der Landwirtschaft in der UdSSR der 1920er und 1930er Jahre und der VR China Ende der 1950er Jahre mit ihren katastrophalen Hungerkatastrophen führt, hier eine Stelle, die zeigt, wie sehr Marx vom Glauben an die Rationalität der Planwirtschaft glaubte – nicht zufällig als die #13 dieser Serie. Ich sage glaubte, weil diese Position sich nicht zwangsläufig aus seinen theoretischen Prämissen ergibt. Andererseits zeigt diese Stelle auch, dass Marx weit entfernt ist von Ökoromantik, dass Begrenzung des wirtschaftlichen Wachstums und rückwärtsgewandte Methoden der Landwirtschaft ihm nicht in den Sinn kamen:

Was wir brauchen, ist eine tägliche Steigerung der Produk­tion, deren Erfordernisse nicht befriedigt werden können, wenn es einigen wenigen Individuen erlaubt ist, sie nach ihren Launen und privaten Interessen zu regeln oder aus Unwissenheit die Kräfte des Bodens zu erschöpfen. Sämtliche modernen Methoden wie Bewässerung, Entwässerung, Anwendung des Dampfpflugs, chemische Bearbeitung etc. müßten endlich in der Landwirtschaft Eingang finden. Aber die wissenschaftlichen Kenntnisse, die wir besitzen, und die technischen Mittel der Landbearbeitung, die wir beherrschen, wie Maschinerie etc., können wir nie erfolgreich anwenden, wenn wir nicht einen Teil des Bodens in großem Maßstab bearbeiten. Wenn die Bearbeitung des Bodens in großem Maßstab – sogar in seiner jetzigen kapitalistischen Form, die den Produzenten zum bloßen Arbeitstier herabwürdigt – zu Ergebnissen führt, die denen der Bearbeitung kleiner und zersplitterter Flächen weit überlegen sind, würde sie dann nicht, in nationalem Maßstab angewendet, der Produktion zweifellos einen ungeheuren Impuls geben? Die ständig wachsenden Bedürfnisse der Bevölkerung einerseits, das dauernde Steigen der Preise landwirtschaftlicher Erzeugnisse andererseits liefern den unbestreitbaren Beweis, daß die Nationalisierung des Grund und Bodens zu einer »gesellschaftlichen Notwendigkeit« geworden ist. Der Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion, der seine Ursache im individuellen Mißbrauch hat, wird unmöglich, sobald die Bodenbearbeitung unter der Kontrolle, auf Kosten und zum Nutzen der Nation durchgeführt wird. Es ist oft auf Frankreich hingewiesen worden, aber mit seinen bäuerlichen Eigentumsverhältnissen ist es weiter von der Nationalisierung des Grund und Bodens entfernt als England mit seiner Großgrundbesitzerwirtschaft. In Frankreich ist zwar der Grund und Boden allen zugänglich, die ihn kaufen können, aber gerade diese Möglichkeit führte zur Aufteilung des Grund und Bodens in kleine Parzellen, die von Menschen bearbeitet werden, welche nur über spärliche Mittel verfügen und vornehmlich auf ihre eigene körperliche Arbeit und die ihrer Familien angewiesen sind. Diese Form des Grundeigentums mit seiner Bearbeitung zersplitterter Flächen schließt nicht nur jede Anwendung moderner landwirtschaftlicher Verbesserungen aus, sondern macht zugleich den Landmann selbst zum entschiedensten Feind jeden gesellschaftlichen Fortschritts und vor allem der Nationalisierung des Grund und Bodens. (1872, MEW18:060f.)

Bemerkenswert ist hier vor allem die naive verschwörungstheoretische Rückführung von Ertragerückgängen auf individuellen Missbrauch anstatt auf polit-ökonomische Wirkungszusammenhänge. Beim Vergleich zwischen der kapitalistisch zentralisierten Landwirtschaft in den USA und den zwangskollektivierten Landwirtschaften in der UdSSR und der VR China zeigt sich klar, dass selbst unter der Bedingung eines stark regulierten Marktes dieser der Planung immer noch weit überlegen ist.

Allerdings steht Marx’ Feindschaft gegen das Grundeigentum im Kontext des Mainstreams der klassisch liberalen Ökonomie. In dem Artikel Die indische Frage verweist er auf Ricardo und zitiert Herbert Spencer:

Niemand darf das Land in solcher Weise nutzen, daß er die übrigen daran hindert, es ebenso zu nutzen. Die Gerechtigkeit erlaubt deshalb kein Eigentum am Boden, oder die übrigen würden auf der Erde nur geduldet leben. (Herbert Spencer, Social Statics 1851, zitiert bei Marx 1853, MEW09:162.)

Dagegen wendet Marx gegen Michael Bakunin ein, der Bauer dürfe nicht durch Drohung mit Enteignung verschreckt werden (ich untersuche hier nicht, ob die implizite Unterstellung stimmt, Bakunin habe eine Enteignung der Bauern gefordert). Wenn Stalin und Mao sich diese Warnung zu Herzen genommen hätten, wären viele Millionen Menschen nicht verhungert:

[Das Proletariat] darf aber nicht den Bauer vor den Kopf stoßen, indem es z.B. die Abschaffung des Erbrechts proklamiert oder die Abschaffung seines Eigentums. (1875, MEW18:633.)

Dagegen ist die Enteignung des Grundeigentums die erste Forderung und die Abschaffung des Erbrechts die dritte Forderung im Kommunistischen Manifest von 1848. Dazu ist zweierlei anzumerken:

1. Ich habe den Eindruck, dass die konkreten sozialistischen Forderungen eher auf Friedrich Engels als auf Marx zurückgehen. Schon das Wort Sozialismus wird von Marx meist eher negativ verwendet (romantischer, utopischer, reaktionärer, kaiserlicher Sozialismus). Die sozialistischen Forderungen stehen meist in einem Spannungsverhältnis, wenn nicht Gegensatz zu den theoretischen Aussagen von Marx. Einen Widerhall findet diese Bewusstseinsspaltung etwa noch bei Claudio Napoleoni, der die gewerkschaftlichen, staatsinterventionistischen Reformbestrebungen zwar unbedingt begrüßenswert findet, aber ihnen jede Bedeutung für die Überwindung des Kapitalismus abspricht.

2. Das Grundeigentum, das Marx mit Ricardo, Spencer u.a. angriff, entsteht nicht dem Ideal der Lockeschen Aneignung durch Bearbeitung nach, sondern durch Umwandlung des Feudalbesitzes in staatsrechtliches Eigentum.

Mit Marx gegen Marx 12

Noch eine (überraschende?) Übereinstimmung zwischen Ludwig von Mises und Karl Marx.

Daß aber von keiner Produktion, also auch von keiner Gesellschaft die Rede sein kann, wo keine Form des Eigentums existiert, ist eine Tautologie. Eine Aneignung, die sich nichts zu eigen macht, ist eine contradictio in subjecto. (1857, MEW13:619.)

Mit Marx gegen Marx 11

Steuern sind Diebstahl und konterrevolutionär. Einige eindrucksvolle Stelle bei Marx:

1. Um den wirklich niedrigsten level des Minimums [an Arbeitslohn] herbeizuführen, [trägt bei] […] 2. das Wachstum der Steuern und die größere Kostspieligkeit des Staatshaushalts, […]. Das Wachstum der Steuern, um dies nebenbei zu bemerken, wird zum Ruin der kleinen Bauern, Bürger und Handwerker. (1847, MEW06:544. Eingebettet in die falsche Lohntheorie, aber zeigt, dass Marx sich durch Steuern keinen Ausgleich erwartete – trotz der Forderung nach Progressivsteuern im »Manifest«. Ist das eine Forderung des politisch-pragmatischen Engels, ungedeckt von der Theorie, die Marx entwickelte?)

2. Die Steuereinzahlung ist Hochverrat, die Steuerverweigerung erste Pflicht des Bürgers! (1848, MEW06:030.)

3. Köln, 21.November [1848]. Das Ministerium Brandenburg-Manteuffel hat an sämtliche königlichen Regierungen den Befehl ergehen lassen, die Steuern durch gewaltsame Maßregeln einzutreiben. Das Ministerium Brandenburg-Manteuffel, das auf gesetzwidrigem Boden steht, empfiehlt Zwangsmittel gegen die Weigernden und Milde gegen die Unvermögenden. Es stellt also zwei Kategorien von Nichtzahl enden auf: die einen, die nicht zahlen, um dem Willen der Nationalversammlung nachzukommen, und die andern, die nicht zahlen, weil sie nicht zahlen können. Die Absicht des Ministeriums ist nur zu klar. Es will die Demokraten teilen; es will die Bauern und Arbeiter veranlassen, sich zu den Nichtzahlenden aus Unvermögen zu zählen, um sie loszutrennen von den Nichtzahlenden aus Gesetzlichkeit und dadurch die letztern des Beistandes der erstem zu berauben. Aber dieser Plan wird scheitern; das Volk sieht ein, daß es solidarisch verantwortlich ist für die Weigerung der Steuern, so wie es früher solidarisch verantwortlich war für ihre Eintreibung. Der Kampf wird entschieden werden zwischen der zahlenden Gewalt und der bezahlten Gewalt. (1848, MEW06:039.)

4. Die provisorische Regierung schrieb eine Zusatzsteuer von 45 Centimes pro Franc auf die vier direkten Steuern aus. Dem Pariser Proletariat schwindelte die Regierungspresse vor, diese Steuer falle vorzugsweise auf das große Grundeigentum […]. In der Wirklichkeit traf sie aber vor allem die Bauernklasse,* d.h. die große Majorität des französischen Volkes. Sie mußten die Kosten der Februarrevolution zahlen, an ihnen gewann die Kontrerevolution ihr Hauptmaterial. Die 45-Centimes-Steuer, das war eine Lebensfrage für den französischen Bauer, er machte sie zur Lebensfrage für die Republik. Die Republik für den französischen Bauer, das war von diesem Augenblicke an die 45-Centimes-Steuer, und in dem Pariser Proletariat erblickte er den Verschwender, der sich auf seine Kosten gemütlich tat. (1850. 07:025.)

5. Man erinnert sich, daß Louis Bonaparte für die Bauern* bedeutete: Keine Steuern mehr! Sechs Tage saß er auf dem Präsidentenstuhl, und am siebenten Tage, am 27. Dezember, schlug sein Ministerium die Beibehaltung der Salzsteuer vor, deren Abschaffung die provisorische Regierung dekretiert hatte. Die Salzsteuer teilt mit der Weinsteuer das Privilegium, der Sündenbock des alten französischen Finanzsystems zu sein, besonders in den Augen des Landvolkes. Dem Auserwählten der Bauern konnte das Ministerium Barrot kein beißenderes Epigramm auf seine Wähler in den Mund legen als die Worte: Wiederherstellung der Salzsteuer! Mit der Salzsteuer verlor Bonaparte sein revolutionäres Salz – der Napoleon der Bauerninsurrektion zerrann wie ein Nebelbild, und es blieb nichts zurück als der große Unbekannte der royalistischen Bourgeoisintrige. Und nicht ohne Absicht machte das Ministerium Barrot diesen Akt taktlos grober Enttäuschung zum ersten Regierungsakt des Präsidenten. (1850, MEW07:048.)

* Wohlgemerkt, die Sympathien von Marx für die Bauern hielten sich in engen Grenzen: Der 10. Dezember 1848 war der Tag der Bauerninsurrektion. Erst von diesem Tage an datierte der Februar für die französischen Bauern. Das Symbol, das ihren Eintritt in die revolutionäre Bewegung ausdrückte, unbeholfenverschlagen, schurkisch-naiv, tölpelhaft-sublim, ein berechneter Aberglaube, eine pathetische Burleske, ein genial-alberner Anachronismus, eine weltgeschichtliche Eulenspiegelei, unentzifferbare Hieroglyphe für den Verstand der Zivilisierten – trug dies Symbol unverkennbar die Physiognomie der Klasse, welche innerhalb der Zivilisation die Barbarei vertritt. (1850, MEW07:044.)

Mit Marx gegen Marx 10

Zwei Satiren auf Staatsanleihen, zugleich eine vorweggenommene Entgegnung auf Keynes und, angesichts des EZB-Programms zur Wertvernichtung, von höchster Aktualität: Wenn schönes Wetter ist, zirkulieren viele Leute im Freien. Die EZB treibt die Leute ins Freie, zwingt sie zu zirkulieren, um das schöne Wetter herzustellen. Großer Wetterkünstler! Die Krise raubt dem Kapital der bürgerlichen Gesellschaft die Zinsen. Der Staat hilft ihr wieder auf die Beine, indem er auch das Kapital wegnimmt. Präzise argumentiert. Und das 1848.

Ein berüchtigter Gauner des gesegneten Viertels von St. Giles in London erschien vor den Assisen. Er war eingeklagt, den Koffer eines berüchtigten Geizhalses der City um 2000 Pfund Sterling erleichtert zu haben. »Meine Herren Geschwornen«, begann der Angeklagte, »ich nehme Ihre Geduld nicht für lange Zeit in Anspruch. Meine Verteidigung ist nationalökonomischer Natur und sie wird ökonomisch mit den Worten umgehen. Ich habe dem Herrn Cripps 2000 Pfund Sterling genommen. Nichts sicherer als das. Aber ich habe einem Privatmann genommen, um dem Publikum zu geben. Wo sind die 2000 Pfund Sterling hingekommen? Habe ich sie etwa egoistisch an mir gehalten? Durchsuchen Sie meine Taschen. Wenn Sie einen Pence finden, verkaufe ich Ihnen meine Seele um einen Farthing. Die 2000 Pfund, Sie finden sie wieder bei dem Schneider, dem Shopkeeper, im Restaurant usw. Was habe ich also getan? Ich habe ›nutzlos liegende Summen, die nur durch eine Zwangsanleihe‹ dem Grabe des Geizes zu entreißen waren, ›in Zirkulation gesetzt‹. Ich war ein Agent der Zirkulation, und die Zirkulation ist die erste Bedingung des Nationalreichtums. Meine Herren, Sie sind Engländer! Sie sind Ökonomen! Sie werden einen Wohltäter der Nation nicht verurteilen!« Der Ökonom von St. Giles sitzt in [der englischen Sträflingsinsel] Vandiemensland und hat Gelegenheit, über die verblendete Undankbarkeit seiner Landsleute nachzudenken. Aber er hat nicht umsonst gelebt. Seine Prinzipien bilden die Grundlage der Hansemannschen Zwangsanleihe. »Die Zulässigkeit der Zwangsanleihe«, sagt Hansemann in den Motiven zu dieser Maßregel, »beruht auf der gewiß begründeten Voraussetzung, daß ein großer Teil des baren Geldes in den Händen von Privatpersonen in kleinern oder größern Summen nutzlos liegt und nur durch eine Zwangsanleihe in Zirkulation gesetzt werden kann.« Wenn ihr ein Kapital verzehrt, bringt ihr es in Zirkulation. Wenn ihr es nicht in Zirkulation bringt, verzehrt es der Staat, um es in Zirkulation zu bringen. […] Wir werden die Zirkulation zwangsweise herstellen! ruft [Minister] Hansemann aus. Warum läßt der Fabrikant auch sein Geld nutzlos liegen? Warum läßt er es nicht zirkulieren? Wenn schönes Wetter ist, zirkulieren viele Leute im Freien. Hansemann treibt die Leute ins Freie, zwingt sie zu zirkulieren, um das schöne Wetter herzustellen. Großer Wetterkünstler! Die ministerielle und kommerzielle Krise raubt dem Kapital der bürgerlichen Gesellschaft die Zinsen. Der Staat hilft ihr wieder auf die Beine, indem er auch das Kapital wegnimmt. (1848, MEW05:262f.)

»Es steht zu erwarten, daß diejenigen, welche sich bis jetzt nicht an dieser Staatsanleihe beteiligt haben, in den nächsten zehn Tagen ihre Pflicht als Staatsbürger erkennen und erfüllen werden, tan so mehr, da ihr eigner Vorteil ihnen wohl raten muß, ihr Geld lieber vor dem 10. August zu 5 Prozent, als nach demselben zu 3 1⁄3 Prozent herzuleihen. Insbesondere ist es nötig, daß die Landbewohner, die bis jetzt noch nicht im rechten Verhältnis zu jener Anleihe beigetragen haben, jene Frist nicht versäumen. Wo Patriotismus und richtige Einsicht fehlen, müßte sonst der Zwang eintreten.« [Aus der »Kölnischen Zeitung«.] Ganze 1 2⁄3 Prozent Prämie sind auf den Patriotismus der Steuerpflichtigen gesetzt, und »trotz alledem und alledem« verharrt der Patriotismus in seinem latenten Zustand! C’est inconcevable. 1 2⁄3 Prozent Differenz! Kann der Patriotismus solch klingendem Argument vom 1 2⁄3 Prozent widerstehn? Es ist unsere Pflicht, der geliebten Kollegin dies wunderbare Phänomen zu erklären. Womit will der preußische Staat nicht 5, sondern nur 3 1⁄3 Prozent zahlen? Mit neuen Steuern. Und wenn die gewöhnlichen Steuern nicht ausreichen, wie vorherzusehen ist, mit einer neuen Zwangsanleihe. Und womit die Zwangsanleihe Nr. II? Mit einer Zwangsanleihe Nr. III. Und womit die Zwangsanleihe Nr. III? Mit dem Bankerutt. Der Patriotismus gebietet also, den Weg, den die preußische Regierung eingeschlagen, auf jede mögliche Weise nicht mit Talern, sondern mit Protesten zu verbarrikadieren. Preußen erfreut sich ferner schon einer Extraschuld von 10 Millionen Talern für den Hunnenkrieg in Posen. Fünfzehn Millionen Taler freiwilliger Anleihe wären also nur eine Indemnitätsbill für die Intrigen des geheimen Kabinetts von Potsdam, das den Befehlen des schwachen Kabinetts von Berlin entgegen diesen Krieg im Interesse der Russen und der Reaktion führte. Die junkertümliche Kontrerevolution ist herablassend genug, sich an bürgerliche und bäuerliche Geldbeutel zu adressieren, die hinterher ihre Heldentaten saldieren sollen. Und die hartherzigen »Landbewohner« widerstehen solcher Herablassung? Das »Ministerium der Tat« verlangt ferner Geld für die Konstablerwirtschaft, und ihr besitzt nicht die »richtige Einsicht« in die Segnungen der aus dem Englischen ins Preußische übersetzten Konstablerei? Das »Ministerium der Tat« will euch knebeln, und ihr verweigert das Geld für die Beschaffung der Knebel? Sonderbarer Mangel an Einsicht! Das Ministerium der Tat braucht Geld, um die uckermärkischen Sonderinteressen gegen die deutsche Einheit durchzusetzen. Und die Landbewohner des Regierungsbezirks Köln sind verblendet genug, die Kosten für die Verteidigung der uckermärkisch-pommerschen Nationalität nicht tragen zu wollen, trotz der Prämie von 1 2⁄3 Prozent? Wo bleibt da der Patriotismus? (1848, MEW05:303f.)

Mit Marx gegen Marx 9

Vier exakte Analysen des etatistischen Mechanismus.

1. Die Regierung, die bei der Erhebung der Schlacht- und Mahlsteuer täglich mit dem Proletariat direkt in Berührung kommt, [tritt] ihm gehässigerweise gegenüber; die Regierung steht bei der Einkommensteuer im Hintergrunde und zwingt die Bourgeoisie, die gehässige Tätigkeit des Lohndrückens ganz zu übernehmen. (1847, MEW04:195.)

2. [Hat etwa] die Regierung den Proletariern Renten geben wollen? Aber im Gegenteil, sie wollte dem Adel Renten geben, die das Volk bezahlen sollte. (1847, MEW04:196.)

3. Nachdem man uns [auf Grundlage des bürgerlichen Reformismus] verworrenes Zeug über angeblichen Kommunismus vorgeschwatzt, nachdem man erklärt hat, die Gesellschaft sei für das Bestehen ihrer Mitglieder solidarisch verpflichtet, sie müsse für sie sorgen, obwohl sie dies nicht könne, nach allen diesen Verirrungen, Widersprüchen, unmöglichen Forderungen wird uns noch zugemutet, die Einkommensteuer als die Maßregel anzunehmen, die alle Widersprüche lösen, alle Unmöglichkeiten möglich machen, die die Solidarität aller Gesellschaftsglieder herstellen soll. Wir verweisen auf Herrn von Duesbergs Denkschrift über die Einkommensteuer, die dem Landtag vorgelegt wurde. In dieser Denkschrift war bereits für den letzten Groschen des Ertrags der Einkommensteuer Verwendung gefunden. Die bedrängte Regierung hatte keinen Heller übrig zur Ausgleichung der allgemeinen Fluktuationen im einzelnen, zur Erfüllung der solidarischen Verpflichtungen der Gesellschaft. Und wenn statt zehn Millionen nur zehn Einzelne durch die Natur der Verhältnisse an den Herrn von Duesberg gewiesen worden wären, der Herr von Duesberg hätte die zehn abweisen müssen. (1847, MEW04:198f.)

Bezeichnenderweise ist im »Kommunistischen Manifest« 1848 dann doch die »starke Progressivsteuer« Punkt 2 der kommunistischen Forderungen.

Dass Marx Steuerzahlungen als nicht unerhebliches Repressionsinstrument des Staates ansah, zeigt dagegen auch wieder diese Stelle:

[Der Bauer ist] gezwungen, den größeren Teil seiner Erzeugnisse in Form von Steuern dem Staat, in Form von Gerichtskosten dem Juristenklüngel […] abzutreten. (1872, MEW18:061.)

4. Lassalle […] war es, der den Präzedenzfall der Staatsanleihe beschwor, die sich die britischen Großgrundbesitzer unter dem Vorwand landwirtschaftlicher Verbesserungen und vermittels des Parlaments so großzügig selbst gewährt hatten. (1872, MEW18:070.)