Ein Waldgang

In seiner Antwort auf meinen Essay “Der Waffengang” zitiert Eberhard Fehrmann (Gestalttherapie 1/2013, S. 86) Autoren, die Ernst Jünger bescheinigen, Totengräber der Weimarer Republik und Wegbereiter des Nationalsozialismus gewesen zu sein. Da es nicht um die Darstellung der jeweiligen Autoren oder ihrer Theorien (wenn sie denn solche formulieren) geht, ist das Zitieren solcher “Meinungen” schon seinerseits ein betrachtenswerter Vorgang: Der Autor verweist den Leser auf das Urteil von jemand anderes, dem man sich anschließen soll, kann aber, würde er mit entgegenstehenden Fakten konfrontiert, jederzeit darauf verweisen, es gar nicht gesagt (sondern nur zitiert) zu haben. Hier verschwindet das Ich im man der political correctness, sozusagen eine weitere Eskalationsstufe der Gleichschaltungsprozesse, die Ernst Jünger in “Der Waldgang” 1951 beschrieben hat.

Noch betrachtenswerter jedoch ist, dass Fehrmann aus diesem Urteil ableitet, es stelle eine “inhaltliche Verbindung” zum “radikalen deutschen Rechtskonservativismus in der Weimarer Republik” her, wenn ich mich auf Jüngers “Waldgang” von 1951 beziehe. Denn wenn wir nicht zugestehen, dass jemand seinen Standpunkt verändern könne und ihn immer auf einen ursprünglich formulierten zurückwerfen, wofür dann überhaupt argumentieren?

An dieser Stelle wird meist darauf verwiesen, Jünger habe sich ja von seinen Standpunkten, die er in den 1920er und 1930er Jahren formulierte, nie distanziert. (Diesen Vorwurf erhebt, wohlgemerkt, Fehrmann nicht, denn er übergeht die Tatsache, dass Jünger den “Waldgang” nach dem Zweiten Weltkrieg geschrieben hat.) Damit sind wir wieder bei der Art, mit der Fehrmann (und nicht nur er) seine eigene Meinung nicht durch den Mund, aber die zitierten Buchstaben von jemand anderes ausdrückt: Es geht nicht um das Argument und um Dialog, sondern um den Ausdruck der Rechtgläubigkeit. Jünger konnte in seinen Schriften spätestens seit Ende der 1930er Jahre so viel er wollte Nationalismus, Kollektivismus und Kriegsverherrlichung negieren, er bleibt schuldig, weil er nie die Worte sprach: “Ich widerrufe.” Das ist das Verfahren und die Haltung der Ketzerprozesse.

 

Strafbar: die eigene kleine Welt!

http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/homeschooling…

“Sie versuchen, sich eine kleine eigene Welt zu schaffen”, kritisierte Jochen Nagel, Vorsitzender der Lehrergewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Hessen.

Das soll Kritik sein? Was für eine Kritik denn? Man kann einer Familie doch kaum ein größere Anerkennung zukommen lassen, als jene, daß sie versucht sich eine eigene kleine Welt zu schaffen.

Der Waffengang

Das ist eine Sensation: In der “Gestalttherapie: Forum für Gestaltperspektiven“, Zeitschrift der Deutschen Vereinigung für Gestalttherapie, trotz der anarchistischen Wurzeln der Gestalttherapie wohl eher im grünrot linksliberalen Sozialstaatsbürgertum zu verorten (man versucht dort seit Jahren ebenso verzweifelt wie vergeblich, durch die Krankassenzulassung Zugang zu den Fleischtöpfen der babylonischen Suppen-Nanny zu bekommen) – - erscheint Heft 1/2013, im 27. Jahrgang mein Essay “Der Waffengang”: Eine Verteidigung des zweiten Zusatzes der us-amerikanischen Verfassung, “the right to keep and bear arms”, gerade auch angesichts der Kampagne für die private Entwaffnung im Gefolge jüngster Amokläufe: “Der Waffengang – Amoklauf und Verteidigung der Aggression”. Zum positiven Begriff der Aggression, den Goodman verwendete, im Verhältnis zum libertären “non-aggression-principle” (das ich keine glückliche Namengebung finde) habe ich mal vor einiger Zeit etwas in der Freiheitsfabrik geschrieben: hier.

Meinem Artikel sind Entgegnungen von zwei Gestalttherapeuten beigestellt (Eberhard Fehrmann “Amoklauf gegen den Leviathan: Zu den Irrwegen einer neokonservativ-anarchistischen Sozialtheorie der Gestalttherapie” und Albrecht Boeckh “Zur notwendigen Relativierung des positiven Aggressionsbegriffs”), die zeigen, dass jetzt erst – nachdem ich rund drei Jahrzehnte gestalttherapietheoretische Beiträge in der Interpretationen Paul Goodmans leiste – klar wird, welch ein Kuckucksei Fritz und Lore Perls damals der Gestalttherapie durch die Zusammenarbeit mit Paul Goodman ins Nest gelegt haben: Dass Anarchismus Staatskritik heißt und dass der Weg zu einer freien, humanen, gerechten, friedlichen Welt nicht über Vermehrung von Staatseingriffen gesucht wird. Da wird dann gleich die Keule herausgeholt und gefragt, wie man sich wohl fühle in Ländern, in welchen der Schutz des Staates nicht über die Zentren der Städte hinausreicht” (Boeckh). Wenn wir darauf keine Antwort wüssten, lieber Herr Boeckh, wäre es um unsere Theorie in der Tat schlecht bestellt. Nennen Sie ein Land und Sie bekommen die Antwort: Entweder verhält es sich dort nämlich so, dass der Staat, wiewohl er keinen Schutz bietet, dennoch die Selbstorganisation wirksam unterbindet, oder es geht erstaunlich friedlich zu.

Worum es in der Tat geht, ist, ob die Gestalttherapie Praxis der Befreiung ist, wie Goodman sie (im Einklang mit Lore und Fritz Perls) gedacht hat, oder ob sie sich zum Büttel mach des sozialtechnischen Ausputzens von dem Dreck, den die Staatstätigkeit verursacht. Denn das letztere ist die Aufgabe, die der Staat der Psychotherapie zuschreibt, solange es in der Schönen Neuen Welt noch kein Soma gibt.

vermutete bedrohung (statistisch)

ich kenne bislang kein drastischeres argument gegen die prophylaktische genomanalyse als die brustamputation angelina jolies wegen der kenntniserlangung der existenz eines wohl krebsrisikoerhoehenden gens in ihrem genomsatz.

endpunkt dieses denkens waere es wohl, sich wegen der gewissheit des todes doch am besten gleich umzubringen: leidensminimierung durch leidensmoeglichkeitseliminierung. der koerper als traeger eines risikos wird dem risikoscheuen nur noch zur nach moeglichkeit zu zerstoerenden last: anscheuliche vision eines sicheren lebens …

In Stahlgewittern

Beim Lesen von Ernst Jüngers Kriegstagebuch 1914 bis 1918, immer eingedenk, dass es sich um einen kaum 20jährigen jungen Mann handelt: Das Material, das zu “In Stahlgewittern” wurde mit den bekannten Wirkungen:

1. Nirgendwo ist auch nur der Hauch von Patriotismus, geschweige denn Nationalismus zu finden. Kriegsziele spielen keine Rolle. Wer gewinnt oder verliert, spielt keine Rolle.

2. Dementsprechend fehlt jede Äußerung von Wut oder auch nur Verachtung dem Gegner gegenüber. Er bedauert, dass den Franzosen im deutsch besetzten Gebiet von den Deutschen eine ihnen fremde Lebensweise aufgenötigt wird. Während eines Gefechts unterhält er sich mit einem englischen Offizier; am Ende haben sie die Idee, ein Andenken an die freundliche Begegnung auszutauschen, aber verzichten darauf, weil dies auf ihre jeweiligen Mannschaften einen schlechten Eindruck machen könnte. Einen jungen englischen Gefallenen bedauert Jünger (was er selten tut, siehe 3.) und sorgt in “kameradschaftlicher Pflicht” für ein anständiges Begräbnis.

3. Gespenstisch ist seine absolute Kaltblütigkeit gegenüber Leiden, eingeschlossen der eigenen Todesgefahr. Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet er über 100 Jahre alt wurde.

4. Was er sucht, ist die Gefahr oder, existenzialistisch gesagt, die Grenzerfahrung. Dies ist ein ganz individualistisches Erlebnis. Es fehlt völlig das Motiv, das für andere Kriegsverherrlicher und insbesondere die Nationalsozialisten so wichtig geworden ist, nämlich die “Kameradschaft”. Da Jünger – sofern man davon ausgeht, dass das Tagebuch sein Erleben authentisch wi[e]dergibt – keinerlei (Todes-) Angst hatte, ist er auch gegenüber militärischer Disziplinierung indifferent. Er tut, was er tut, ohne Rücksicht auf Konsequenzen. Die Androhung von Strafe kann ihn nicht disziplinieren. Dies passt eher zu seinem späten Anarch-Konzept in “Eumeswil” als zu militaristischen Umtrieben und Führerkult.

Nun ist es zwar einerseits zweifellos so, dass Jünger nie Sympathie für den Nationalsozialismus hatte und insbesondere keine für Adolf Hitler, aber andererseits: dass er sich für eine kurze Zeit vor allem in der ersten Hälfte der 1920er Jahre nationalistisch-revolutionär engagierte, steht ebenfalls außer Frage. Und dass Hitler “In Stahlgewittern” schätzte, hat ihm wahrscheinlich das Leben gerettet, war er doch schon kurz nach der “Machtergreifung” ins Visier der Gestapo geraten und hatte er doch später Kontakte zu dem Kreis der Attentäter vom 20. Juli 1944.

Für mich steht nicht so sehr im Zentrum meines Interesses, wie die fatale Wirkung zustande kam, sondern wie sein inneres Selbstmissverständnis (das er später, gottlob, aufhob).