Wider den reaktionären Libertarismus

Reaktionär, dieses angeschmuddelte Schimpfwort aus dem Arsenal linker Rhetorik, steht hier aus einem präzisen Sinn: Es geht um eine Übernahme linker Agitation, mit umgekehrten Vorzeichen, in Reaktion auf eine unverstandene Wirklichkeit. Diese Reaktion ist, im Gegensatz zum Selbstverständnis jener Libertärer, nicht wirklich konservativ im Sinne einer untergegangenen liberalen Bürgerlichkeit.

  1. Die reaktionären Libertären kultivieren die typisch linke »Empörung«. Kleinste Abweichungen in der richtigen Wortwahl, vor allem aber in der richtigen, d.h. »realistischen« Parteinahme für die Guten (oder zumindest das kleinere Übel) führt zum empörten Aufschrei und, wo man(n) in der Gemeinschaft der Gleichgesinnten sich sicher fühlt, zum beschimpfenden Kollektivmob. Wer Einwände gegen die Parteinahme hat, wird zum Mörder, ist Mitschuld am Wüten des ewigen Bösen. Wer würde da nicht auch in Empörung ausbrechen? Ob staatlich zugelassene Homoehe, Sexualkundeunterricht in der staatlichen Schule oder die Erlaubnis, im Rahmen von Religionsfreiheit ein Kopftuch zu tragen, man(n) ist empört und ruft nach der guten, alten Zeit, in der der Staat für Recht und Ordnung und vor allem die rechten Sitten gesorgt habe und darum ein wenig weniger Staat als heute gewesen sei.
  2. Die reaktionären Libertären kultivieren die typisch linke »Politisierung«. Bourgeoise Tugenden wie Achtung vor der Privatsphäre, Diskretion, »désinvolture« (Ernst Jünger) zählen nichts mehr. Man(n) macht sich lustig über den politischen Gegner, kommentiert und moralisiert sein Privatleben, ja sein Aussehen, nichts sei mehr privat, beteiligt sich am Shitstorm.
  3. Die reaktionären Libertären kultivieren den typisch linken »Kollektivgeist«. Bestimmte ethnisch, religiös oder kulturell definierten Gruppen sind besser, moralischer und wohl auch intelligenter als andere, die kollektiv die Bösen sind. Ein Individuum, das bedauerlicherweise in eine dieser Gruppen des Bösen hineingeboren wurde, kann der kollektiven Verurteilung allerhöchstens gnadenweise entgehen, wenn es sich permanent von seiner Herkunft distanziert und sich gehörig schämt. Die Guten haben nicht nur das Recht, sondern auch die unbedingte Pflicht, die Bösen unabhängig von individueller Schuld zu bekämpfen, zu vernichten. Es ist geboten, das kollektiv besessene »eigene« Land vor ihnen zu schützen und von ihnen zu säubern. Wenn sie mit der Mehrheit sich dünken, scheuen sich die reaktionären Libertären nicht, die ansonsten so heftig kritisierte und abgelehnte Demokratie in ihrer schärfsten Form, dem Volksentscheid, als Waffe der Reinigung gutzuheißen.
  4. Die reaktionären Libertären kultivieren die typisch linke »Moralisierung«. Anstelle der Analyse von wirtschaftlichen und Machtinteressen tritt die Einleitung in Gut und Böse. Jeder ist aufgerufen, Partei zu ergreifen. Krieg ist Frieden. Man(n) hat an der Seite »von …« zu stehen – von einem Staat allemal, aber der ist der Gute oder doch wenigstens das kleinere Übel, zu dem es keine realistische Alternative gebe. Und wer nicht realistisch ist, der ist, selbstredend, böse.

Aufgrund der Empfindlichkeit von Empörung, Politisierung, Kollektivgeist und Moralisierung gegenüber Abweichung führt der reaktionäre Libertarianismus wie bei den Linken zum Zerfall in kleine, sektiererische Zirkel. Die anti-etatistische Kraft erlahmt. Dagegen steht der ursprüngliche Impuls des Libertarismus jenseits von Rechts und Links¡Venceremos, Rothbarderos!

Was würdest Du tun, wenn …? Krieg wäre keine Option

»Vom Standpunkt der politischen Freiheit aus gesehen, muss der Krieg zwischen Staaten abgelehnt werden. Basta. Denn er wird unweigerlich von Massenmord und Erhöhung der Zwangssteuern begleitet. Das war nicht immer so. Im Mittelalter war das Ausmaß der Kriege viel stärker begrenzt. […] Nicht nur war die Feuerkraft gering genug, als dass eine Begrenzung auf die jeweils Kämpfenden möglich war, sondern in den vor-modernen Zeiten gab es gar keinen zentralen Nationalstaat, der unwidersprochen im Namen aller Einwohner einer gegebenen Region sprechen konnte. […] Darüber hinaus bestanden die Armeen nicht aus Massen von Wehrpflichtigen, sondern aus kleinen Gruppen angeheuerter Söldner. Oft war es ein Spaß für das Volk, die Schlacht von einem sicheren Hügel aus zu verfolgen. […] Das moderne Konzept der kollektiven Sicherheit hat einen entscheidenden Fehler. […] Eine Analogie zum zwischenmenschlichen Verhalten wäre: Smith greift Jones an. Die Polizei kommt Jones zu Hilfe, indem sie den Block, wo Smith wohnt, bombardiert und die fliehende Menge mit Salven aus dem Maschinengewehr niederstreckt.« Murray Rothbard 1973.

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»Wir müssen zunehmend auf Abstand gehen zu allem, das mit Krieg zu tun hat.« Paul Goodman 1945.

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Angesichts konkreter Kämpfe in der Welt, Krieg zwischen Staaten, Bürgerkrieg, Terrorismus, Staaten gegen Terrororganisationen (= Konkurrenten; Protostaaten: Organisationen, die Staat werden wollen; Mafia), treten die libertären »Realos« auf, die meinen, nun müsse »man« Farbe bekennen, unbedingt Partei ergreifen, auf der richtigen Seite selbstredend, welche immer sie für die Richtige Seite halten. Was, bitteschön, würdest Du denn tun, heulen sie rechthaberisch, als Israeli, dem die Hamas Bomben ins Wohnzimmer hagelt? Als Palästinenser, dessen Haus die IDF im Kampf gegen den Terror platt macht? Als Kurde, dem der Islamische Staat den Garaus machen will? Als Ukrainer, dessen Land Putin sich einzuverleiben trachtet? Als Russe, der nicht unter die Knute der Maidanfaschisten geraten möchte? Die Beispiele und Anlässe wechseln aktuell nach der Weltlage, die Struktur bleibt gleich: Parteiergreifungszwang. Und der Ton auch: Leicht hysterisch, als hinge von meiner Entscheidung, von meinem Parteiergreifen nicht nur das Leben, nein, darüber hinaus sogar auch das Heil der Weltseele ab.

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Ich will konkret antworten auf die allzu abstrakte Frage: Was würdest Du tun, wenn …? Eine konkrete Antwort kann sich allerdings nur darauf beziehen, welche konkrete Situation mir vorgestellt wird. Gehen wir als erstes Szenario davon aus, dass ich in Israel, in Gaza, im wilden Kurdistan, in den USA, in der Ukraine, auf der Krim … in Deutschland … allein stehe auf meinem libertären Standpunkt. Von meiner Entscheidung hinge also gar nichts ab, außer mein eigenes Seelenheil oder, wenn es hart auf hart kommt, auch das leibliche Wohl von mir und ggf. meinen Angehörigen (kollektive Repressalien feiern im Krieg bekanntlich Urständ). Was werde ich tun? Wenn die Bedrohung bei Verweigerung der Solidarisierung groß ist, werde ich, der ich ein Feigling bin, wahrscheinlich einknicken, still und leise mitmachen, mit geballter Faust in der Tasche und schlechtem Gewissen. Wenn es dagegen Meinungsfreiheit gibt oder wenn ich mutiger sein sollte, erinnere ich mich vielleicht an Gustav Landauer, der im Angesicht des deutschen Kriegstaumels 1914 sagte: »Nichts ist zu hoffen, alles ist zu tun.« Zumindest eins hat er erreicht: Er hat seinen Freund Martin Buber überzeugt, von der Begeisterung für den Krieg zu lassen, einzusehen, dass Krieg keine Option sei.

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Als nächstes Szenario gehen wir davon aus, dass wir Libertären eine Handvoll sind. Was werden die tun, die stark genug sind, sich der Gleichschaltung durch die kriegerische Solidarisierung zu entziehen? Wir würden, hoffe ich doch sehr, unsere Mitmenschen auffordern, nicht auf die Kriegspropaganda der Regierung oder der »uns« angeblich repräsentierenden protostaatlichen Organisation hereinzufallen. Aufzeigen, wo von »Verteidigung« die Rede ist, während sie weit darüber hinausschießen. Wo im Sinne der Kollektivstrafe gehandelt wird. Würden versuchen, unsere Mitmenschen davon zu überzeugen, die »Gegner«, die Bevölkerung der feindlichen Nation, die Angehörigen der befehdeten Religionsgruppe usw. nicht mit der Regierung oder den protostaatlichen Organisationen zu identifizieren, die behaupten, sie zu repräsentieren. Möglicherweise gelingt es uns, zu Gleichgesinnten auf der angeblich gegnerischen Seite Kontakt aufzunehmen und so der Dämonisierung des Anderen etwas entgegenzusetzen. Wir würden »unsere« Regierung (oder die protostaatliche Organisation, die uns zu »repräsentieren« vorgibt) auffordern, sich an Völker-, Menschen- und Eigentumsrecht zu halten. Darauf verweisen, dass, wenn die »Gegner« sich nicht ans Recht halten, dies keineswegs die Erlaubnis gibt, es auch selber nicht zu tun (denn dann wäre Recht sinnlos: es greift nur, wenn es gebrochen ward; also definiert jedes Recht nichts als die erlaubte Grenze der Gegenwehr). Und wir würden aufzeigen, dass Handel und Verhandlung der Weg des Friedens ist, dass Handel immer möglich, dass Verhandlung meist möglich bleibt, dass die, die Handel und Verhandlung vereiteln, oft nicht die Gegner sind, sondern Kreise der eigenen Regierung oder protostaatlichen Organisation, die ein wirtschaftliches oder Machtinteresse mit der Eskalation des Konfliktes verbinden. – Das ist es, was ich hoffe, dass Rothbarderos es tun.

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Wie die meisten Menschen bin ich anfällig für Omnipotenzfantasien. Vielleicht gesteht mir der Realo zu, dass ich (Minister-) Präsident, Kanzler oder dergl. der USA, Israels, der russischen Föderation, der Ukraine oder Führer eines Protostaats bin. Drittes Szenario. Was, bitteschön, würdest du dann tun? Jetzt aber Butter bei die Fische, Hose runter, deinen Plan offenlegen. OK, Plattnase, das wird ein Spaziergang. Denn wenn ich diese hohe Stellung inne habe, muss eine mächtige Koalition gesellschaftlicher Kräfte hinter mir stehen, die mich dorthin gebracht hat, egal ob auf demokratischen Wege oder auf dem Weg von Putsch oder Revolution. Als der indische Kaiser Ashoka 258 v. Chr. zum Buddhismus konvertierte, erklärte er, dass die Grenzen des Reiches nicht mehr mit Waffengewalt verteidigt würden. In den USA wurde ein stehendes Heer erst institutionalisiert mit der Anmaßung der Aufgabe, Weltpolizist zu sein. »Lenin und die Bolschewiki begannen ihre Regierungszeit nicht bloß einfach als Partei des Friedens, sondern praktisch als Partei des Friedens ›um jeden Preis‹« (nun ja, in Anführungszeichen; stammt von Rothbard und ist vielleicht ein bisschen schönfärberisch). Gandhi befreite Indien vom Kolonialismus mit gewaltlosem Widerstand. IRA und ETA wurden weniger durch Polizei und Armee besiegt, sondern eher von schwindender Unterstützung in der Bevölkerung. Im Sommer 1993 erklärte der bosnische Unternehmer Fikret Abdić die »Autonomna Pokrajina Zapadna Bosna« und schloss einen Separatfrieden mit den serbischen und kroatischen »Teufeln«. Und das wären meine allgemeinen Leitlinien:

1. Friedenverhandlungen auf der Grundlage der Anerkennung des gegenseitigen Existenzrechts. Möglicherweise scheitern die, wahrscheinlich nicht.

2. Bewaffnung der Bevölkerung zur eigenen Verteidigung. Keine stellvertretende Armee. Keine Wehrpflicht. Keine Zwangsfinanzierung von Militär durch Steuern. Verteidigung wird Privatsache.

3. Isolationismus: Keine Einmischung in die Konflikte Dritter.

4. »Handel mit Jedem, Bündns mit Niemandem.« (Thomas Jefferson.)

5. Abschaffung von Haupstadt und Zentralregierung: Das Land lässt sich nicht mehr »erobern«.

6. Kampf gegen die Täter, nicht die Opfer. Ziel der Verteidigung ist nicht die Vernichtung der gegnerischen einfachen Soldaten oder gar der Zivilbevölkerung, sondern die Befehlsstruktur der Angreifer (Politiker, Militärs).

Sexy Programm. Alles andere ist schon ausprobiert worden. Mit bekanntem Ergebnis: Permanenter Krieg für permanenten Frieden. »Zur Hauptverantwortung von Libertären gehört, sich auf die Übergriffe und Aggressionen des eigenen Staates zu konzentrieren.« (Murray Rothbard.)

Mit Marx gegen Marx 21

Heute wieder aus der Serie: Bei solchen Freunden des Kapitalismus, was braucht es Feinde?

»[H. Carey erklärte]  die kapitalistischen Produktionsverhältnisse erst für ewige Natur- und Vernunftsgesetze, deren frei harmonisches Spiel nur durch die Staatseinmischung gestört werde, um hinterher zu entdecken, dass Englands diabolischer Einfluss auf den Weltmarkt, ein Einfluss, der, wie es scheint, nicht den Naturgesetzen der kapitalistischen Produktion entspringt, die Staatseinmischung nötig macht, nämlich den Schutz jener Natur- und Vernunftsgesetze durch den Staat, alias das Protektionssystem.« Karl Marx, Das Kapital I (1867), S. 587.

Henry Charles Carey (1793-1879), kennt heute kaum noch einer: Er war aber sehr einflussreich in den USA in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Careys einfluss beweist, dass schon im 19. Jahrhundert das Selbstverständnis der amerikanischen Wirtschaftsvertreter sich stark aus dem Wunsch speiste, in der regierung einen mächtigen Verbündeten für die Entwicklung ihrer Interessen zu finden. Der Korporatismus ist eben nicht eine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Rothbard erwähnt ihn in An Austrian Perspective on the History of Economic Thought (1995) nicht. Vielleicht war ihm Carey zu früh, denn die Verbindung Staat-Wirtschaft in den USA verortet Rothbard ja vor allem im Ersten Weltkrieg. Doch diese Verbindung ist von Leuten wie Carey ideologisch vorbereitet worden und hatte auch (z.B. durch Schutzzölle) schon eine umfangreiche Praxis.

Mit Marx gegen Marx 20

»Was sonst als Ersparnis der Bauern, des kleinen Mittelstandes aufgeschatzt wäre, um in Sparkassen und Banken das anlage­suchende Kapital zu vergrößern, wird jetzt im Besitze des Staates umgekehrt eine Nachfrage und Anlagemöglichkeit für das Kapital. Ferner tritt hier an Stelle einer großen Anzahl von kleinen zersplitterten und zeitlich auseinanderfallenden Warennachfragen, die vielfach auch durch die einfache Warenproduktion befriedigt wären, also für die Kapitalakkumulation nicht in Betracht kämen, eine zur großen einheitlichen kompakten Potenz zusammengefasste Nachfrage des Staates. Diese setzt aber zu ihrer Befriedigung von vornher­ein die Großindustrie auf höchster Stufenleiter, also für die Mehrwertproduktion und Akkumulation günstigste Bedingungen voraus. In Gestalt der militaristischen Aufträge des Staates wird die zu einer gewaltigen Größe konzentrierte Kaufkraft der Konsumentenmassen außerdem der Willkür, den subjektiven Schwankungen der persönlichen Konsum­tion entrückt und mit einer fast automatischen Regelmäßigkeit, mit einem rhythmischen Wachstum begabt. Endlich befindet der Hebel dieser automatischen und rhythmischen Bewegung der militaristischen Kapitalproduktion sich in der Hand des Kapitals selbst – durch den Apparat der parlamentarischen Gesetzgebung und des zur Herstellung der sogenannten öffentlichen Meinung bestimmten Zeitungs­wesens. Dadurch scheint dies spezifische Gebiet der Kapitalakkumulation zunächst von unbestimmter Ausdehnungs­fähigkeit. Während jede andere Gebietserweiterung des Absatzes und der Operationsbasis für das Kapital in hohem Maße von geschichtlichen, sozialen, politischen Momenten abhängig ist, die außerhalb der Willenssphäre des Kapitals spielen, stellt die Produktion für den Militarismus ein Gebiet dar, dessen regelmäßige stoßweise Erweiterung in erster Linie in den bestimmenden Willen des Kapitals selbst gegeben zu sein scheint.«

Rosa Luxemburg, Die Akkumulation des Kapitals (1913), in: dies., Gesammelte Werke 5, Berlin 1975, S. 409 f.

Sicherlich vom Jargon her anders, inhaltlich jedoch genau das, was Murray Rothbard in »War Collectivism: Power, Business, and the Intellectual Class in World War I« (unter dem Titel sind ein Text aus dem Jahre 1972 und einer aus dem Jahre 1986 von Rothbard zusammgenfasst, Auburn 2012) beschreibt: Das Bündnis von Wirtschaftsvertretern und etatistischer intellektueller Klasse, um Aufrüstung und Krieg als Hebel zu Staatsausbau und zur Generierung von sicheren Profiten anzusetzen.

Mit Marx gegen Marx 19

Diesmal gibt es Antonio Gramsci zu entdecken …

»Die Suprematie einer gesellschaftlichen Gruppe [äußert sich] auf zweierlei Weise, als ›Herrschaft‹ und als ›intellektuelle und moralische Führung‹. Eine gesellschaftliche Gruppe ist herrschend gegenüber den gegnerischen Gruppen, die sie ›auszuschalten‹ oder auch mit Waffengewalt zu unterwerfen trachtet, und sie ist führend gegenüber den verwandten und verbündeten Gruppen. Eine gesellschaftliche Gruppe kann und muss sogar bereits führend sein, bevor sie die Regierungsmacht erobert.  |  [Die Intellektuellen organisieren] die gesellschaftliche Hegemonie einer Gruppe und ihre staatliche Herrschaft.«

Antonio Gramsci (1891-1937), Gefängnishefte (1929 - 35), Bd. 8 (Hamburg 1998), S. 1947 | Bd. 3 (Hamburg 1992), S. 515.

»Die ›normale‹ Ausübung der Hegemonie auf dem klassisch gewordenen Feld des parlamentarischen Regimes zeichnet sich durch eine Kombination von Zwang und Konsens aus, die sich die Waage halten, ohne dass der Zwang den Konsens zu sehr überwiegt, sondern im Gegenteil vom Konsens der Mehrheit […] getragen erscheint.«

Gefängnishefte, Bd. 1, Hamburg 1991, S. 120.

Mit Marx gegen Marx 18: Venceremos Rothbarderos

»Die marxistische Wendung, ›an die Stelle der Regierung über Personen tritt die Verwaltung von Sachen‹,[1] lässt sich interessanterweise auf den großen französischen laissez-faire-Liberalen des frühen 19. Jahrhunderts […] zurückverfolgen. […] Lenin […] markierte die ›konservativen‹ Stränge in den Schriften von Marx und Engels selbst, die den Staat oft rechtfertigten, den westlichen Imperialismus und aggressiven Nationalismus; diese ambivalenten Motive der Meister zu dem Thema war für die Mehrheit der Marxisten Grund genug, in das Lager der ›Sozialimperialisten‹ überzugehen. Das Lager von Lenin wandte sich weiter nach ›links‹ als Marx und Engels selbst. Lenin nahm eine entschiedenere revolutionäre Haltung zum Staat ein und verteidigte konsequent Bewegungen der nationalen Befreiung gegen den Imperialismus. Der leninistische Linksruck betraf auch andere Bereiche. Während Marx seinen Angriff auf den Marktkapitalismus als solchen richtete, lag das Augenmerk Lenins auf dam, was er als das höchste Stadium des Kapitalismus ansah: Imperialismus und Monopole. Darum richtet sich der Fokus von Lenin praktisch gesehen auf das Staatsmonopol und den Imperialismus mehr als auf den laissez-faire-Kapitalismus.«[2]

 

[1] Weiter: »Der Staat wird nicht ›abgeschafft«, er stirbt ab.« Friedrich Engels, Anti-Dühring (1878), MEW 20, S. 262.

[2] Murray Rothbard, Left and Right (1965), San Francisco 1979, S. 11ff.

Mit Marx gegen Marx 17

[Für den Kommunismus] ist die Herrschaft des sachlichen Eigentums so groß ihm gegenüber, daß er alles vernichten will, was nicht fähig ist, als Privateigentum von allen besessen [zu] werden; er will auf gewaltsame Weise von Talent etc. abstrahieren. […] Dieser Kommunismus – indem er die Persönlichkeit des Menschen überall negiert – ist eben nur der konsequente Ausdruck des Privateigentums, welches diese Negation ist. Der allgemeine und als Macht sich konstituierende Neid ist die versteckte Form, in welcher die Habsucht sich herstellt und nur auf eine andre Weise sich befriedigt. Der Gedanke jedes Privateigentums als eines solchen ist wenigstens gegen das reichere Privateigentum als Neid und Nivellierungssucht gekehrt, so daß diese sogar das Wesen der Konkurrenz ausmachen. Der rohe Kommunist ist nur die Vollendung dieses Neides und dieser Nivellierung von dem vorgestellten Minimum aus. Er hat ein bestimmtes begrenztes Maß. Wie wenig diese Aufhebung des Privateigentums eine wirkliche Aneignung ist, beweist eben die abstrakte Negation der ganzen Welt der Bildung und der Zivilisation. […] Die Gemeinschaft ist nur eine Gemeinschaft der Arbeit und die Gleichheit des Salärs.[1]

Wie?, Enteignung sollte zur wahren Aneignung und wahre Aneignung sollte nicht zu – wahrem Eigentum führen?

 

[1] Ökonomisch-philosophische Manuskripte (1844), MEW 40, S. 534f.

Mit Marx gegen Marx 16

1. »In einem Land, welches die letztmögliche Stufe seines Reichtums erreicht hätte, wären beide, Arbeitslohn und Kapitalinteresse, sehr niedrig. Die Konkurrenz unter den Arbeitern, um Beschäftigung Zu erhalten, wäre so groß, daß die Salaire auf das reduziert wären, was zur Erhaltung der nämlichen Zahl von Arbeitern hinreicht, und da das Land sich schon hinreichend bevölkert hätte, könnte sich diese Zahl nicht vermehren.«[1]

2. »›Einer, der z.B. ein großes Vermögen erbt, erwirbt dadurch zwar nicht unmittelbar politische Macht. Die Art von Macht, die diese Besitzung ihm unmittelbar und direkt überträgt, das ist die Macht zu kaufen, das ist ein Recht des Befehls über alle Arbeit von andern oder über alles Produkt dieser Arbeit, welches zur Zeit auf dem Markt existiert.‹ Smith. Das Kapital ist also die Regierungsgewalt über die Arbeit und ihre Produkte.«[2]

3. »Der Profit oder Gewinn des Kapitals ist ganz vom Arbeitslohn verschieden. Diese Verschiedenheit zeigt sich in doppelter Weise: Einmal regeln sich die Gewinne des Kapitals gänzlich nach dem Wert des angewandten Kapitals, obgleich die Arbeit der Aufsicht und Direktion bei verschiedenen Kapitalien die nämliche sein kann. Dann kömmt hinzu, daß in großen Fabriken diese ganze Arbeit einem Hauptkommis anvertraut ist, dessen Gehalt in keinem Verhältnis mit dem Kapital steht, dessen Leistung er überwacht. Obgleich sich hier nun die Arbeit des Proprietärs fast auf nichts reduziert, verlangt er doch Profite im Verhältnis zu seinem Kapital. Smith.«[3]

4. »›Produktiver Arbeiter [ist] derjenige, der unmittelbar seines Meisters Reichtum vermehrt‹, sagt Malthus.« Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 1858, MEW 42, S. 227.

5. »In dem Urzustand gehört das Produkt der Arbeit ganz dem Arbeiter. […] Sobald aber Vorrat sich in den Händen von Privatleuten aufhäuft, löst sich der Wert, den die Arbeiter dem Gegenstand hinzufügen, in 2 Teile auf, wovon der eine ihre Salaire, der andre den Profit bezahlt, welchen der Unternehmer auf die Summe des stocks macht, der ihm gedient hat, diese Salaire und die Arbeitsmaterie zu avancieren. Er hätte kein Interesse,[4] diese Arbeiter anzuwenden, wenn er nicht vom Verkauf ihres Werkes etwas mehr erwartete, als ihm nötig ist, um den Fonds zu ersetzen, und er hätte kein Interesse, eher eine große als eine kleine Summe von Fonds anzuwenden, wenn seine Profite nicht in irgendeiner Proportion mit dem Umfang der angewandten Fonds stünden.«[5]

6. »›Um es einem bedeutenden Teil des Gemeinwesens zu ermöglichen, die Vorzüge der Muße zu genießen, muß der Kapitalgewinn offensichtlich groß sein.‹ James Mil.«[6]

7. »Der Verlust einer Arbeitsstunde pro Tag stellt einen außerordentlich großen Schaden für einen Handelsstaat dar. Der Konsum von Luxusgütern unter den arbeitenden Armen dieses Königsreichs ist sehr groß; besonders unter dem Manufakturpöbel: dabei konsumieren sie aber auch ihre Zeit, ein Verbrauch, verhängnisvoller als jeder andre.«[7]

8. »Wenn es für eine göttliche Einrichtung gilt, den siebenten Tag der Woche zu feiern, so schließt dies ein, daß die andren Wochentage der Arbeit angehören, und es kann nicht grausam gescholten werden, dies Gebot Gottes zu erzwingen … Daß die Menschheit im allgemeinen von Natur zur Bequemlichkeit und Trägheit neigt, davon machen wir die fatale Erfahrung im Betragen unsres Manufakturpöbels, der durchschnittlich nicht über 4 Tage die Woche arbeitet, außer im Fall einer Teuerung der Lebensmittel … Gesetzt, ein Bushel Weizen repräsentiere alle Lebensmittel des Arbeiters, koste 5 sh., und der Arbeiter verdiene einen Schilling täglich durch seine Arbeit. Dann braucht er bloß 5 Tage in der Woche zu arbeiten; nur 4, wenn der Bushel 4 sh. beträgt… Da aber der Arbeitslohn in diesem Königreich viel höher steht, verglichen mit dem Preise der Lebensmittel, so besitzt der Manufakturarbeiter, der 4 Tage arbeitet, einen Geldüberschuß, womit er während des Rests der Woche müßig lebt. […] Es ist außerordentlich gefährlich, mobs in einem kommerziellen Staat, wie dem unsrigen, zu encouragieren, wo vielleicht 7 Teile von den 8 der Gesamtbevölkerung Leute mit wenig oder keinem Eigentum sind … Die Kur wird nicht vollständig sein, bis unsre industriellen Armen sich bescheiden, 6 Tage für dieselbe Summe zu arbeiten, die sie nun in 4 Tagen verdienen.«[8]

Bei solchen Freunden des Kapitalismus, hülfe es ihm da nicht, einen von dessen Feinden, den Kommunisten Marx, in seinen wahren Verteidiger zu wandeln?

 

[1] Adam Smith. Zit. in: Ökonomisch-philosophische Manuskripte, 1844, MEW 40, S. 475.

[2] Ökonomisch-philosophische Manuskripte, 1844, MEW 40, S. 484.

[3] Zit. in: Ökonomisch-philosophische Manuskripte, 1844, MEW 40, S. 484.

[4] Bemerkenswert, wie leichtsinnig Adam Smith hier das Interesse des Kapitalisten als das Bestimmende für den Preis annimmt, als ob es nicht auf die Bereitschaft der Nachfrager ankäme, einen bestimmten Preis zu zahlen. Der Fehler liegt bei Smith, nicht bei Marx.

[5] Adam Smith, zit. in: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 1858, MEW 42, S. 515.

[6] Ökonomisches Manuskript 1861-1863, MEW 43, S. 201.

[7] J. Cunningham, An Essay on Trade and Commerce   (1770), zit. in: Kapital I, 1867, MEW 23, S. 247.

[8] J. Cunningham, An Essay on Trade and Commerce   (1770), zit. in: Kapital I, 1867, MEW 23, S. 291f.

Mit Marx gegen Marx 15

Kommentar zu »Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses«, unveröffentlichtes VI. Kapitel des 1. Kapital-Bandes.[1] Auf die »Resultate« bin ich durch Claudio Napoleoni aufmerksam geworden. Sein Buch »Ricardo und Marx«[2] hat nicht nur das Verdienst, David Ricardo als die Grundlage von Marx zu erweisen, sondern auch das Problem der »Transformation« der Werte (Arbeitsquanten) in Preise als ungelöst stehen zu lassen. Da, sofern das Tranformations-Problem ungelöst bleibt, das Marxsche System der Arbeitswertlehre, wenn wir die Arbeitswertlehre denn als »Marxsch« ausgeben wollen, in sich zusammenfällt, zeigt es den religiösen Charakter des Marxismus an, dass sich Napoleoni trotzdem weiter »in ihm« bewegen will. An Marx festzuhalten, wäre mithin nur möglich, indem wir die Arbeitswertlehre als nicht zu Marx, sondern zu Ricardo gehörig kennzeichnen, und Marx Zurückweisung von Ricardo wie einen Subtext lesen: Marx weist die Widersprüche in Ricardo als den Theoretiker des Kapitalismus nach, dadurch aber wird es möglich, den Kapitalismus zu legitimieren; einen anderen Kapitalismus freilich als den, der historische Realität erlangt hat. Das werde ich noch näher erläutern, hier aber schon mal den dazugehörigen Begriff in die Welt setzen: Kapitalixmus.

1. »Daß der Arbeiter die Hälfte des Arbeitstags für sich, die andere Hälfte gratis für den Kapitalisten arbeitet«,[3] also die Mehrwertproduktion, wird in diesem Text stets vorausgesetzt, nie aber abgeleitet im Sinne einer Erklärung, warum bzw. unter welchen Bedingungen der Arbeiter zu dieser Mehrarbeit bereit sei. Marxisten neigen dazu, die Bereitschaft zur Mehrarbeit einfach als aus der Not der Arbeiter geboren hinzunehmen, sich reproduzieren zu müssen. Jedoch setzt diese Not voraus, dass der Arbeiter keine Alternative hat. Und dass er die nicht hat, ist erklärungsbedürftig. Marx wusste das.[4]

2. »Ihren Tauschwert erhält diese selbständige, von ihrem Gebrauchswert durchaus unabhängige Form, als bloßes Dasein der materialisierten gesellschaftlichen Arbeitszeit, ihn ihrem Preise, worin der Tauschwert als Tauschwert, d.h. als Geld ausgedrückt ist«.[5] Anders als an den Stellen, wo Marx den »Unterschied und Widerspruch zwischen Wert und Preis«[6] herausarbeitet, ist hier der Preis direkter, analoger und mechanischer Ausdruck des »Wertes« (der Arbeitszeit).[7] Veränderungen des Preises ergeben sich (bei Preissenkung) aus der Erhöhung der »Produktivität oder Produktivkraft der Arbeit«.[8] Dann wächst die Masse, die »Anzahl Waren, die verkauft werden müssen«,[9] als ob nicht Angebot (bei Marx oft: »Zufuhr«) und Nachfrage eine Rolle spielen würden, als regele nicht die Konkurrenz den Preis.[10] Daraus würde folgen, dass ein Kapitalist seine Waren lieber nicht verkauft als »unter Wert«. Das leuchtet nicht ein, denn bei Nichtverkauf ist sein Verlust größer als beim Verkauf zu einem niedrigeren Preis; und dieser Verkauf wüchse sich erst dann zu einem wirklichen Verlust aus, wenn der Preisabschlag den Betrag des Mehrwerts überschreitet. Und selbst in solch einem Falle gilt, dass der Verlust um so geringer ist, um so mehr Waren der Kapitalist verkauft, egal zu welch niedrigem Preis. Sollte Marx der Widerspruch nicht aufgefallen sein? Ich gehe davon aus, dass er ihn darum ungelöst stehen lassen konnte, weil es nicht der Widerspruch seiner Theorie, sondern der Theorie von Ricardo ist, die Marx in der Tat als falsch erweisen wollte.

3. Marx »löst« das Problem der klassischen liberalen Ökonomie, den Preis (einer Ware) mit einem Preis (nämlich dem der Arbeit) zu erklären, also nichts zu erklären, bekanntlich mit dem Theorem, der Preis der Arbeit sei die Arbeitszeit, die nötig ist, um die Reproduktion der Arbeit zu gewährleisten.[11] Damit löst er weniger, als die Marxisten es gern hätten. Denn was ist das »Lebensminimum«? Und was heißt es für die Theorie, wenn die Löhne über das absolute Existenzminimum hinaus steigen? So erwähnt Marx z.B. Zeitungen, die »in die notwendigen Lebensmittel des englischen städtischen Arbeiters eingehen«.[12] Was heißt hier notwendig? Inwieweit sind Zeitungen notwendig für die Reproduktion der reinen Arbeitskraft? Ernest Mandel spricht von »moralisch-historischen Reproduktionskosten der Arbeitskraft«,[13] die nicht genügend in den Lohn eingingen.[14] Andererseits kann durch »Klassenkampf« (durch Gewerkschaften erreichte Lohnerhöhungen) die Mehrwertrate gesenkt werden.[15] Außerdem erzwingt die Konkurrenz, so entwickelt Marx es im 3. Band des Kapitals, dass sich die Mehrwertrate, die in den einzelnen Industriezweigen unterschiedlich ist, über den Preis vereinheitlicht.[16] Insofern finden sich manche Kapitalisten bereit, auf einen Teil ihres Mehrwerts zu verzichten, ihn zu vergesellschaften.[17] Darum ist die einfache Formel, der Lohn sei die Arbeitzeit, die dem unmittelbaren Existenzminimum des Arbeiters entspricht, der Rest sei Mehrwert des Kapitals, weil der Arbeitstag länger dauert als diese zur Reproduktion notwendige Arbeitszeit betrage, nicht haltbar. Wenn bei Ernest Mandel wie Claudio Napoleoni die Mehrwertrate dann nur als Differenz zwischen Arbeitslohn und realisierten Warenpreisen minus der Material- und Maschinenkosten erscheint (also die Bezugnahme auf das Existenzminimum wegfällt, weil sie einer empirischen Überprüfung nicht standhält), so kann das nur angehen, insofern in dieser Differenzsumme »keine aktive Teilnahme des Kapitalisten am Produktionsprozess«[18] enthalten ist. Marx erkannte allerdings einen »Arbeitslohn des Kapitalisten« als »Aufsichts- und Verwaltungslohn« an;[19] er ist »nicht Aneignung von fremder Arbeit, sondern Wertschöpfung eigner Arbeit. Dieser Teil des Mehrwerts ist also gar nicht mehr Mehrwert, sondern das Gegenteil, Äquivalent für vollbrachte Arbeit«.[20] Was könnten nach Marx die Leistungen des Kapitalisten sein?

A. Das »vorgeschossene Kapital«[21] ist nach Marx zumindest vordergründig keine Leistung, sondern »nur ein andrer Name für Mehrwert«.[22] Marx’ Lebenslange Polemik gegen Jean-Pierre Proudhon[23] hat ihm hier die Sicht verstellt. Obgleich Proudhon nicht Recht hatte, den Zins zu verdammen (denn der Zins ist der Preis für produktive Arbeit, deren Produkte nicht unmittelbar verzehrt, sondern der Produktion zur Verfügung gestellt werden, also ist der Zins der Preis des Aufschubs), so hatte er doch einen interessanten Punkt: Wenn die Arbeiter sich gegenseitig die Arbeit »vorschießen«, also auch den Nutzen aus dem Aufschub ziehen, können sie den Umweg über den in Geld ausgezahlten Zins umgehen.[24] Da Marx die Geldillusion der Kapitalbildung strikt ablehnte,[25] sondern nur die reale Maschinerie zu solcher befähigt sah, hätte auch er an dieser Stelle beweisen müssen, wie das herrschende System der Ausbeutung die Arbeiter daran hindert, den Weg der Gegenseitigkeit, des Proudhonschen »Mutualismus« zu gehen. Immerhin bemerkt Marx, dass die Löhne in England den Arbeitern in gewissem Umfang erlauben zu »schatzbildnern«.[26] Hinderungsgründe wäre politische, nicht ökonomische.

B. Marx benennt zwar das »Risiko«,[27] dass sich die in den Produktionsprozess hineingegebenen Werte nicht realisieren, wehrt diese jedoch ab mit dem Argument, ein solches Risiko sei »jedem Produktionsprozeß eigen«, es falle auf den Kapitalisten »nur, weil er das Eigentum an den Produktionsmitteln usurpiert« habe. Ein schwaches Argument, denn ob er das Eigentum usurpiert hat oder nicht, er trägt das Risiko und dies ist etwas Wert, etwa ausgedrückt in einer Versicherungssumme. Im »Kritik des Gothaer Programms« bezeichnet Marx ausdrücklich »Reserve- oder Assekuranzfonds gegen Missfälle, Störungen durch Naturereignisse etc.« als berechtigten Abzug vom Lohn (also berechtigte Zurückhaltung der Auszahlung des im Warenpreis realisierten Geldes an den Arbeiter).[28]

C. Die »Güte« der Rohmaterialien, Funktionsfähigkeit von Maschinen, Vermeidung von Vergeudung, Qualität der Produkte sind »Sache des Kapitalisten«, gehören zur »Aufsicht und Disziplin des Kapitalisten«.[29] Das sind sicherlich Leistungen, die einen Unternehmerlohn »erheischen«. Versteckt reklamiert Marx an dieser Stelle sogar die »Güte [der Waren] als Gebrauchswerte«, was ja so viel heißt wie die Waren auf die Bedürfnisse der Käufer abzustimmen. Was allerdings hier wie überall fehlt, ist die Sorge für die Verkäuflichkeit. Das ist kein zufälliges Versäumnis. Denn bei Marx – und hierin folgen ihm die Marxisten blind – ist der Verkauf, also die Realisierung des Preises ein gleichsam automatisch ablaufender Vorgang, ebenso scheinbar wie von Geisterhand und nicht durch Erfindungen und Entscheidungen die »Einführung der Maschinerie«[30] erfolgt.

D. »Das Resultat der kapitalistischen Produktionsweise [ist es], die Produktivität der Arbeit fortwährend [zu steigern ] … und daher den Preis der einzelnen Ware zu senken oder die Warenpreise überhaupt zu verwohlfeilern«.[31] Entgegen der absoluten Verelendungstheorie, die Marx zugeschrieben wird,[32] ist die Steigerung der Produktivität nicht mit Steigerung der Ausbeutung verbunden, jedenfalls nicht im Sinne des Herabdrückens der Löhne; der Geldlohn der Fabrikarbeiter steigt »trotz Verkürzug des Arbeitstages.[33] Die Produktivitätssteigerung und damit die Verbesserung der Lebensbedingung der Arbeiter ist hier wohlgemerkt von Marx als Leistung des Kapitals und nicht der Arbeit gekennzeichnet, denn die Arbeit ist als Verausgabung von körperlicher Kraft ganz und gar gleich geblieben. Sie wird produktiver durch Anwendung der Maschinerie und durch kluge »Aufsicht« des Kapitalisten. Die Unterstellung, Kapitalismus sei »Produktion um der Produktion willen«,[34] steht unvermittelt der Analyse gegen über »historisch betrachtet« sei er notwendig, »um die Schöpfung des Reichtums als solchen, d.h. der rücksichtslosen Produktivkräfte der gesellschaftlichen Arbeit, welche allein die materielle Basis einer freien menschlichen Gesellschaft bilden können«.[35] Der Zusatz »auf Kosten der Mehrzahl« leuchtet nicht ein, wenn nicht angenommen wird, dass die vermehrten und »verwohlfeilten« Waren ausschließlich von den Kapitalisten konsumiert werden. Rückwärtsgewandte Beschwörungen der »guten alten Zeiten« verspottet Marx als »Klagelied der Konservativen«.[36]

 

[1] Nicht in den MEW enthalten, zit. n. Berlin 2009; verfasst ca. 1866; Erstveröffentlichung 1933. Abgekürzt Resultate.

[2] Claudio Napoleoni, Ricardo und Marx (1972), Frankfurt/M. 1974.

[3] Resultate, S. 29.

[4] In Nordamerika »sind die Klassengegensätze nur unvollständig entwickelt; die Klassenkollisionen werden jedesmal vertuscht durch den Abzug der proletarischen Überbevölkerung nach dem Westen; das Einschreiten der Staatsmacht, im Osten auf ein Minimum reduziert, existiert im Westen gar nicht.« Aus einer Rezension 1850, MEW 7, S. 288. »In den Vereinigten Staaten von Nordamerika [bestehn] zwar schon Klassen, [haben] aber sich noch nicht fixiert, sondern [wechseln] in beständigem Flusse fortwährend ihre Bestandteile und [treten sie] aneinander ab, wo die modernen Produktionsmittel, statt mit einer stagnanten Übervölkerung zusammenzufallen, vielmehr den relativen Mangel an Köpfen und Händen ersetzen, und wo endlich die fieberhaft jugendliche Bewegung der materiellen Produktion, die eine neue Welt sich anzueignen hat, weder Zeit noch Gelegenheit ließ, die alte Geisterwelt abzuschaffen.« Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, 1852, MEW 8, S. 122f.

[5] Resultate, S. 27.

[6] Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 1858, MEW 42, S73ff. »Der Warenpreis steht beständig über oder unter dem Warenwert, und der Warenwert selbst existiert nur in dem up and down der Warenpreise. Nachfrage und Zufuhr bestimmen beständig die Warenpreise; decken sich nie oder nur zufällig« (S.73).

[7] Dieser Widerspruch durchzieht die marxistische Theoriebildung. Ernest Mandel, der die Polemik von Marx gegen das »eherne Lohngesetz« Ferdinand Lassalles, das »naturnotwendig die Höhe des Arbeitslohn« bestimme, aufnimmt und den Lohn als durch den »Klassenkampf« bestimmt erscheinen lässt (Der Spätkapitalismus, S. 140), behauptet einige Seiten später, es gelinge dem Kapital bisweilen »den Preis der Ware Arbeitskraft unter ihren Wert zu drücken« (S. 141f). Aber was ist dieser (objektive) »Wert«, wenn der Preis doch stets ausgehandelt wird?

[8] Resultate, S. 30f.

[9] Resultate, S. 44.

[10] »Gilt deine Arbeitsstunde soviel wie die meinige? Diese Frage wird durch die Konkurrenz entschieden. | Die Arbeit ›gilt‹ mehr oder weniger, je nachdem die Lebens­mittelpreise höher oder niedriger sind, je nachdem Angebot von und Nachfrage nach Arbeitskräften in diesem oder jenem Grade vorhanden ist etc.« Das Elend der Philosophie, 1847, MEW 4, S. 85|88.

[11] »Was ist nun also der Wert der Arbeitskraft? Wie der jeder andern Ware ist der Wert bestimmt durch das zu ihrer Produktion notwendige Arbeitsquantum. Die Arbeitskraft eines Menschen existiert nur in seiner lebendigen Leiblichkeit. Eine gewisse Menge Lebensmittel muß ein Mensch konsumieren, um aufzuwachsen und sich am Leben zu erhalten.« Lohn, Preis und Profit, 1865, MEW 16, S. 131.

[12] Resultate, S. 115

[13] Ernest Mandel, Der Spätkapitalismus, Frankfurt/M. 1972, S. 63. Marx spricht von einem »traditionelle Lebensstandard« (also nicht bloßem physischen Existenzminimum): Lohn Preis und Profit, 1865, MEW 16, S. 148.

[14] Später im Text gesteht Mandel allerdings zu, »neue Waren« würden »dem Existenzminimum einverleibt«, »gewohnheitsmäßig« (Der Spätkapitalismus S. 139), und weist wütend die Behauptung zurück, Marx habe die absolute Verelendungstheorie mit notwendig sinkendem Realeinkommen der Arbeiter vertreten (ebd., S. 146ff).

[15] Mandel, S. 37f.

[16] Naopleoni, S. 174ff.

[17] Mandel, S. 91.

[18] Napoleoni, S. 209.

[19] Kapital III, 1865, MEW 25, S. 402.

[20] Revenue and its sources, 1862, MEW 26.3, S. 486.

[21] Resultate, S. 29.

[22] Resultate, S. 103

[23] Besonders Das Elend der Philosophie, 1847, MEW 4, S. 63ff; Revenue and its sources, 1862, MEW 26.3, S. 512ff; Resultate, 1867, 48ff.

[24] Ganz präzise ist Proudhon nicht (und diese begriffliche Schlamperei wirft Marx ihm zurecht vor), denn der Zins ist nicht verschwunden, sondern versteckt darin, dass diejenigen, die das Kapital vorschießen, auch an der Produktion partizipieren.

[25] »Eselei [ist es, das] Geld als Wert des Kapitals [zu] verwechseln mit dem reel vorhandenen Metallgeld. In den Krisen ist das Kapital (als Ware) unaustauschbar, nicht weil zu wenig Zirkulationsmittel vorhanden; sondern es zirkuliert nicht, weil es nicht austauschbar. Die Bedeutung, die in Krisen das bare Geld bekommt, rührt nur daher, daß, während Kapital nicht austauschbar gegen seinen Wert – und nur darum erscheint ihm dieser gegenüber in der Form des Geldes fixiert –, Verpflichtungen zu zahlen sind; neben der unterbrochenen Zirkulation eine Zwangszirkulation stattfindet.« Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 1858, MEW 42, S. 501.

[26] Resultate, S. 115.

[27] Resultate, S. 65.

[28] Kritik des Gothaer Programms, 1875, MEW 19, S. 19.

[29] Resultate, S. 64.

[30] Resultate, S. 118.

[31] Resultate, S. 33.

[32] und die er an manchen Stellen auch zu vertreten scheint: »beständig günstigere Umstände für die eine Seite, die Kapitalisten, und beständig ungünstigere für die andre, die Lohnarbeit«, Resultate, S. 148.

[33] »Steigerung des Geldlohns der Fabrikarbeiter trotz der Verkürzung des Arbeitstags, große Zunahme der Zahl der beschäftigten Fabrikarbeiter, anhaltendes Fallen der Preise ihrer Produkte, wunderbare Entwicklung der Produktivkraft ihrer Arbeit, unerhört fortschreitende Ausdehnung der Märkte für ihre Waren. | Die englischen Fabrikarbeiter, Bergleute, Schiffbauer usw., deren Arbeit relativ hoch bezahlt wird, [stechen] durch die Wohlfeilheit ihres Produkts alle andern Nationen aus, während z.B. den englischen Landarbeiter, dessen Arbeit relativ niedrig bezahlt wird, wegen der Teuerkeit seines Produkts fast jede andre Nation aussticht.« 1865, MEW 16, S. 110|119.

[34] Resultate, S. 120.

[35] Resultate, S. 69; ebenso im 3. Kapitalband: »Die Entwicklung der Produktivkräfte der gesellschaftlichen Arbeit ist die historische Aufgabe und Berechtigung des Kapitals.« 1865, MEW 25, S. 269. Wann ist die »historische Aufgabe« erfüllt?

[36] »Toryjeremiade«: Resultate, S. 119.