Essay zur Notwendigkeit des Kapitalismus

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[von Michael T. H. Kastner]

Keine Macht der Welt, auch nicht der Sozialismus, hat die sog. traditionellen bürgerlichen Werte mehr zerstört als der freie Markt.

An die Stelle paternalistischer Fürsorge sind Arbeitsverträge zwischen gleichberechtigten Vertragspartnern getreten. An die Stelle der fürsorgenden Hausfrau und Mutter trat die selbstbestimmte Frau, die nicht mehr vom Einkommen des Mannes abhängig ist. An die Stelle der Familie, die als Alterversorgung der Eltern dienen sollte, trat die kommerzielle Versicherung. An die Stelle kulturell homgener Völkert tritt ein multikulturelles Gemisch. Anstelle des kommunitaristischen Gemeindelebens mit lebenslangen festen Bindungen tritt der nomadisierende Weltbürger. An die Stelle immobilen Werkhallenkapitals, dessen Produkte nur mit anderen Produkten aus der näheren Umgebung konkurrieren mußten, tritt das schnelle und flüchtige weltweit einsetzbare Finanzkapital.

Das bürgerliche Wohnzimmer, die Fabrikantenfamilie, der sonntägliche Familiengottesdienst, Feste im Kreise der Großfamilie, lebenslange Arbeitsverhältnisse, eine kochende und putzende Ehefrau, der einkommensbeschaffende Ehemann – all diese Schönwetterideale – werden nicht so sehr von linken Gutmenschen bedroht, wie sie vom weltweiten globalisierten Kapitalismus bedroht werden.

Einschub: Nicht die 68er haben die Gesellschaften in Deutschland
verändert, sondern der Kapitalismus. Die 68er haben
die Veränderungen lediglich für sich reklamiert.

Wahrscheinlich haben die meisten Menschen eine Vorstellung davon, daß “früher” mal “alles” besser war.

Früher war nichts besser! Es ist lediglich so, daß die Vergangenheit überschaubarer als die Zukunft ist, weil die Geschehnisse der Vergangenheit bereits bekannt sind. Was in der Zukunft kommt, kann niemand voraussagen. Deshalb ist die Zukunft mit Risiko behaftet und wirkt bedrohlich.

Doch niemand kann die Zukunft abschaffen und niemand kann die Kraft kontrollieren, die die Unsicherheit der Zukunft bei den Individuen auslöst: den Kapitalismus. Jeder Versuch, einen gesellschaftlichen Großplan oder ein kollektives Ziel vorzugeben, muß vor der Unkalkulierbarkeit, mit der die Zukunft behaftet ist, scheitern.

Dabei bedarf der Vorgang des Kapitalismus keiner Führerschaft, keiner Parteien, keiner Behörden und keiner Kampagnen. Kapitalismus ist eine Folge und Notwendigkeit, die sich aus der Tatsache der Unsicherheit ergibt.

In Anbetracht der Zukunftsunsicherheit ist der Wettbewerb vieler um die besten Ideen und die besten Verwendungsmöglichkeiten des Kapitals der zwangsläufigen Phantasielosigkeit einer singulären Planungsbehörde milliardenfach überlegen.

Bürgerliche, jedoch auch mindestens in gleichem Maße Globalisierungsgegner, Sozialisten, Konservative und Nationalisten haben, wenn man zum Kern ihrer Ideen vordringt, alle das gleiche Ziel: Die Rückkehr zu einem Zustand, von dem sie meinen, er hätte in der Vergangenheit einst geherrscht und wäre jeglicher Veränderung mit offenem Ergebnis vorzuziehen.

Ein aussichtsloser Kampf gegen die Realität: Die Zeitachse, zumindest in diesem Universum, läßt nur eine Richtung zu: die Zukunft.

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Comments 5

  1. Stefan Sedlaczek wrote:

    Widerspruch! Im Kapitalismus kann das Individuum anders als bürgerlich leben, Kapitalismus schafft Freiheit und mehr Möglichkeiten. Durch den allgegenwärtigen Einfluß des Sozialismus aber werden traditionelle bürgerliche Werte zwangsweise zerstört, die Preise für hergebrachte Lebensweisen werden künstlich erhöht. Kapitalismus verbreitert die Möglichkeiten um alternative Lebensart, Sozialismus engt jeden darauf ein.

    Posted 07 Jul 2005 at 12:29
  2. rgroezinger wrote:

    Hier mein Kommentar dazu.

    Posted 07 Jul 2005 at 13:38
  3. Michael Kastner wrote:

    Hallo Stefan,

    > Durch den allgegenwärtigen Einfluß des
    > Sozialismus aber werden traditionelle
    > bürgerliche Werte zwangsweise zerstört,
    > die Preise für hergebrachte Lebensweisen
    > werden künstlich erhöht.

    Das kann durchaus sein und es gibt Indizien, die dafür sprechen. Das streite ich auch nicht ab.

    Ich halte allerdings die Kräfte des Marktes gegenüber den traditionellen bürgerlichen Werten für weitaus zerstörerischer als die Kräfte des Staates.

    Der Staat verkauft sich da einfach besser und tritt polternder auf.

    > Kapitalismus verbreitert die Möglichkeiten
    > um alternative Lebensart, Sozialismus engt
    > jeden darauf ein.

    Das stimmt nicht notwendigerweise. Die Lebensart des Adels wurde, jedenfalls in großem Stil, vom Kapitalismus zerstört und durch andere Lebensarten ersetzt.

    Traditionen sind immer nur temporäre Lebenshilfen. Jede Tradition hatte irgendwann ihren Anfang und hat eine andere Tradition verdrängt oder gar zerstört.

    Und es entstehen permanent neue Traditionen.

    Viele Grüße

    Michael Kastner

    Posted 07 Jul 2005 at 14:07
  4. Michael Kastner wrote:

    Hallo Robert,

    ich bezweifle nicht, daß der Kapitalismus des 19. Jahrhunderts die bürgerlichen Traditionen hervorgebracht hat.

    Kapitalismus ist nunmal Wandel. Auch für die Traditionen und die bürgerlichen Traditionen, die zu bestimmten Zeiten hilfreich waren, werden zu anderen Zeiten eher störend empfunden.

    Ich hatte es schon Stefan geschrieben: Traditionen sind immer nur temporäre Phänomene, die einen Anfang und ein Ende haben.

    Viele Grüße

    Michael

    Posted 07 Jul 2005 at 14:12
  5. rgroezinger wrote:

    Hallo Michael,

    Traditionen sind nicht ganz das selbe wie Werte. Traditionen definiere ich als die detaillierte, mehr oder weniger verfestigte Institution zur Erzielung bestimmter Werte. Werte hingegen sind angestrebte Ziele (die selbstverständlich individuell unterschiedlich gewichtet werden).

    Da im Kapitalismus z.B. die Unsicherheit für den Einzelnen steigt, steigt der Wert der Sicherheitsproduktion und wird “Sicherheit” von mehr Menschen angestrebt. Wie sie im einzelnen diese Sicherheit (über längere Zeit) ausgestalten ist dann “Tradition”. Nach Hayek (so ungefähr) sind Traditionen aus in Vergangenheit gesammelten überindividuelle Erfahrungen resultierende Handlungen, deren Sinn sich dem Einzelnen nicht unmittelbar erschließen müssen, die aber dennoch sinnvoll sind.

    In Freiheit sind diese Traditionen einem stetigen, aber eher langsamen Wandel unterworfen (sie wären keine Tradition, wenn sie sich – in Freiheit – schnell umhauen ließen; Ausnahmen bestätigen die Regel). Und ein dauerhafter Wandel kommt nur dann zustande, wenn dadurch der mit der Tradition angestrebte Wert “besser” (kostengünstiger, effizienter) erreicht wird.

    Die Lebensart des (Land)Adels starb mitnichten aus, sondern wurde durch den Kapitalismus erst recht auf die Allgemeinheit ausgedehnt: Feste Ehen, arbeitsfreie Kinder, Bildung, Kultur, Manieren, Urlaub …

    In England blieb sogar die Fuchsjagd erhalten (Tradition zur Erhaltung des Wertes “fuchsfreie Grundstücke”, mit vielerlei heißgeliebtem Brimborium drumherum, “effizienter” und “humaner” als Fallenstellen oder Erschießen) , bis zu diesem Jahr, als der demokratische Sozialismus ihm den Garaus machte.

    Posted 08 Jul 2005 at 08:46