Mal in aller Ruhe …

Vorlesen

[von Andreas Ullrich]

In dem B.L.O.G-Posting “Krieg und Frieden” steht:

“Für mich ist es keine Frage der Überzeugung, sondern eine der Vernunft,

* die Existenz von Staaten als gegeben anzusehen
* reale Bedingungen und Möglichkeiten zu analysieren
* Güterabwägungen zu treffen
* Handlungen moralisch zu begründen
* sich in einem Dilemma dennoch zu entscheiden”

Das schaue ich mir dann mal Satz für Satz an:

“die Existenz von Staaten als gegeben anzusehen”
Wer diskutiert denn über eine solche ‘Erkenntnis’??? Da zu zweifeln wäre so, als würde man, die ubiquitären Pestbeulen vor Auge, die Pest selber leugnen.
“reale Bedingungen und Möglichkeiten zu analysieren”
Wie bitte soll ich das machen? Was weiss ich denn über das Atomprogramm des Iran (for example)? Wenn irgendein islamistischer oder kommunistischer Hauptmann in den Medien herumkräht, was er alles in der Hose hat und wie prall diese Füllung seine Feinde in die Knie zwingen wird: könnte ich da nicht auch daran denken, dass zettBee die communism-light-DDR noch kurz vor ihrem Substanztod immer noch sich selbst als planzielübererfüllende Supermilchspendkuh gefeiert und medienwirksam inszeniert hat? Warum waren denn alle staatlichen Instanzen, die jahrzehntelang Infos über den Zustand der Kuh gesammelt haben, so tierisch überrascht? Und ich informationelles Würschtel soll nun, gefüttert von unüberprüfbaren Magenschleimhautinformationen, mich zum Richter über Leben und Tod aufschwingen?
“Güterabwägungen zu treffen”
Sorry, da lach’ ich mir doch einen Heftigen! Keines meiner Güter wird von medialen Imaginationen potentieller Bedrohungen so konkret bedroht, dass ich denen, die mir einen vagen Bedrohungsschutz versprechen, freiwillig auch nur eine Mark Geldes oder Vertrauen überlassen würde – zumal die Referenzen der federführenden staalichen Sicherheitsagentur extrem lausig sind (Massenvernichtungswaffen in Saddams Händen! Har!Har!). Natürlich wäge ich Güter ab: gegen geldverschlingende, lügenboldige Scheinsicherheitsagenturen und für mein Recht auf (nicht unwahrscheinliche) Selbstbeschädigung durch Toleranz und Ignoranz.
“Handlungen moralisch zu begründen”
Jööhomm! Nein! Sage ich erstmal so …
Also: das ist ein echter Knackpunkt – eigentlich der schwierigste und bedeutsamste. Ich denke, dass die moralische Begründung einer Handlung ziemlich irrelevat für die tatsächliche Qualität einer Handlung ist. Wenn ich es als moralisch ansehe, Kinderarbeit in Europa, Indien oder Afrika durch gewaltsame (auch Gesetze sind Gewalt!) Massnahmen zu unterbinden, so ist das Ergebnis dieser Intervention durchaus nicht unbedingt selber moralisch. Es könnte nämlich sein, dass ich Familien, die ausschliesslich diese eine Erwerbsquelle haben, dem Hungertode preisgebe. Damit töte ich mit moralischem Impetus. Aber das Töten selber ist unmoralisch. Ich halte es für weitaus wichtiger, die Folgen des eigenen Handelns ex post zu bewerten und damit die Qualität des eigenen Handelns zu bestimmen, als sich durch moralische Introspektion von den eigenen praktischen Verfehlungen ex ante beruhigend zu salvieren. ‘Gut gemeint’ ist der erste Nagel zum Sarg für die mit solcher Moral Bedachten!
“sich in einem Dilemma dennoch zu entscheiden”
Es gibt so recht eigentlich kein Entscheidungsdilemma. “Wasch’ mich aber mach’ mich nicht nass!” ist nur unsauberes Denken. Wer einen klaren Begriff von ‘waschen’ hat und einen ebensolchen von ‘nass’, der kann nicht dilemmatös denken. Also: so lange denken, bist das Dilemma sich in Entscheidungen auflöst (die tiefinnerlich eh bereits gefallen sind, obwohl die veröffentlichte Personaloberfläche sich noch possierlich in dilemmatösem Winden moralisiert).

Man sollte es sich mit moralisch motivierten ‘Entscheidungen’ sehr schwer machen: imaginierend, dass man die Folgen selber vollpersönlich zu schultern hätte. Und man sollte sich darüber hinaus klar machen, für wen man da entscheidet. In der Regel nicht für sich selbst. Und solche Entscheidungen sind stets gewaltsam und damit Unrecht!

Das Mephisto-Prinzip ist echt tückisch! Leider haben das seine Formulierer inzwischen vergessen …

Herz+Mördergrube · 27.01.2006 · Andreas Ullrich · Comments (5)

5 Antworten to “Mal in aller Ruhe …”

  1. Roland Scheel schreibt:

    Zum moralischen Handeln:

    1) keine ex ante Betrachtungen anzustellen ist nicht deshalb gut, weil ex ante Betrachtungen nicht alle Konsequenzen des Handelns zu Tage fördern können. Lasse ich die Überlegung im Vorhinein einfach weg, so könnte sich dennoch eine Konsequenz meines Handelns ergeben, die ich bei moralischer Betrachtung nicht in Kauf genommen hätte.
    2) ex post ist zu spät. Zwar kann ich im Nachhinein feststellen, dass meine Handlung nicht zu nicht gewollten Ergebnissen geführt hat, ob das zukünftig in mir analog erscheinenden Situationen immer noch so ist, ist keineswegs sicher. Der Erkenntnisgewinn kann auf Basis von Erfahrungen nicht so gut bewertet werden.
    3) Habe ich Erfahrungen mit den Konsequenzen bestimmten Handelns gemacht, dann muss ich, um diese Erfahrungen zu nutzen, in zukünftigen Situationen ex ante die Beobachtungen der Vergangenheit zugrundelegen. Dieses wiederum soll ich aber nach deinen Ausführungen nicht.

    Aus dem allen folgt eigentlich: Das Verbot von ex-ante Bewertungen von Handlungen führt zum Widerspruch, wenn man gleichzeitig fordert, ex post die Qualität zu beurteilen, weil diese Beurteilung in zukrünftigen Situation gemäß dem Verbot von ex-ante Bewertungen nicht zugrundegelegt werden darf. Übrig bleiben entsprechend nur noch Handlungsleitlinien, die prinzipieller Natur sind, also ohne Erfahrungshintergrund erstellt werden. Heraus kommt dann wohl eine deontologische Ethik. Teleologische Ethiken dagegen müssen auch Erfahrungswerte ex ante zugrundelegen. Für teleologische Bewertungen setzt du dich ein.

  2. Andreas Ullrich schreibt:

    Hi Roland.

    Danke für Deine Antwort. Aber ich glaube, Du hast mich falsch verstanden (mag an meiner etwas schnörkeligen Ausdrucksweise gelegen haben :-)

    Es ging mir um den erlösenden Gestus einer moralisch für gut befundenen Handlung: selbst wenn eine solche Handlung Wirkungen hat, die ich ablehne, habe ich mir das Schlupfloch eröffnet, dass diese Wirkungen ‘in Kauf zu nehmen’ seien angesichts der übergeordneten moralischen Intention der Handlung. Ich habe die Möglichkeit, Anspruch und Wirklichkeit ‘zu verrechnen’. Etwa: Diktatorensturz gegen Kollateralschäden. Und wenn ich nur den moralischen Impetus gross genug wähle, lassen sich alle Opfer irgendwie so subtrahieren, dass ich hintend’ran mit einem satten Guthaben ‘rauskomme.
    Wenn ich also z.B. ’soziale Gerechtigkeit’ oder ‘Terrorbekämpfung’ nur fett genug moralisiere, dann kann ich unter diesem Deckmäntelchen viel mehr durchsetzen, als wenn die nackten Handlungen nur für sich selber werben müssten.

    Insofern hat Michael schon recht, wenn er in Bushisten verkappte Sozialisten vermutet …

    Gruss
    Andreas

  3. Roland Scheel schreibt:

    Jetzt bist du aber auf der inhaltlichen Ebene.

    Wenn ich beispielsweise sage, Eigentumsschutz ist per se gut, unabhängig
    davon, ob er in einer konkreten Situation zu einem unerwünschten Ergebnis
    führt (ein Bettler berhungert beispielsweise, weil er keinen gewaltsam
    durchgesetzten sozialen Transfer erhält), dann müsstest du jetzt intervenieren
    und sagen, nein, Eigentumsschutz sie nur in dem Maße gut, in dem er zu
    gewünschten Ergebnissen führe. Also, ich meine, die Hingabe zu deontologischen
    Konzepten oder zu teleologischen sind gleichermaßen geeignet, jedwede
    Handlung zu rechtfertigen. Einmal ist die Handlung selbst gut, beim
    anderen mal ihre Folgen. Gut und Schlecht gehorchen wiederum einem
    Werturteil, das man trifft.

    Deontologisch eingestellte Liberale werden sagen: Eigentumsschutz an
    sich muss sein, teleologisch eingestellte dagegen, Eigentumsschutz
    muss sein, weil mein ökonometrisches Modell diesen als effizient vorraussagt.
    Deontologisch eingestellte Sozialisten wiederum werden für die Anarchie
    eintreten, währen teleologisch eingestellte wahrscheinlich ein Politbüro
    zur Steuerung der Gesellschaft einführen würden.

    Die eigentliche Frage ist vielleicht, ob ein Mensch für die Folgen seines
    Handelns haftbar sein sollte, oder für die Absichten bei seinem Handeln,
    wobei in letzterem Falle das Problem auftritt, die Absichten zweifelsfrei
    festzustellen.

    Letztlich lassen sich beide Herangehensweisen verteidigen, welche man selbst
    wählt, ist ein Werturteil. Ich würde dabei weitestgehend auf utilitaristische
    Konstrukte verzichten wollen, weil schon die Annahme der Prognosizierbarkeit
    der Folgen des Handeln m.E. nicht berechtigt ist.

  4. Bodo Wünsch schreibt:

    Hallo Roland,

    was Du schreibst, könnte in Bezug auf die Thematik, die hier diskutiert wird, verwirren – denn sie treffen nicht den Kern: “Deontologen” unterscheiden lediglich zwischen der Pflicht gegen sich selbst und einer Pflicht gegen Andere. Teleologen halten bestimmte (eigene, gemeinsame, welche auch immer) Zwecke für absolut. Wo ist könnte da je eine Kontrahenz bestehen?

    Es geht vielmehr über die (verschüttete) Trennung von Ethik (als Zwecksetzungs- und/oder Pflichtenlehre) und Recht (als Legitimationslehre des Zwangs) – und die Behauptung der “All-Sozialisten”, das eine diene dem anderen oder umgekehrt (Empiristen) oder solle jeweils dem anderen dienen (Moralisten).

    Gruß
    BW

  5. B.L.O.G. - Bissige Liberale ohne Gnade :: :: January :: 2006 schreibt:

    [...] Freiheitsfabrikant Andreas Ullrich setzt sich mit der Liste auseinander, die ich als Frage der Vernunft bezeichnet habe. Ich greife diese Erwiderung gerne auf, weil sie einerseits meine eher abstrakten Formulierungen im betreffenden Beitrag konkretisiert, aber auch weil z.T. in etwas zu billiger Münze gewechselt wurde. [...]

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Es geht uns nicht um die Kundgabe von Prinzipien und Absichten. Das ist etwas für Gewaltpolitiker. Humane Perspektiven lassen sich nicht erreichen durch die Kundgabe dessen, was man durchsetzen will, sondern nur durch Aufklärung. (Stefan Blankertz)

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