Aggressionsbegriff

Die positiv bewertete Aggression, nenne man sie nun gesund, natürlich oder notwendig, und die negativ bewertete Aggression werden von Goodman in Gestalt Therapy mit dem gleichen Namen belegt und können auch nicht zur klareren Unterscheidung oder zur Vermeidung von Miss- verständnissen mit zwei verschiedenen Begriffen auseinander gehalten werden, weil es sich bei der negativ bewerteten Aggression um die negativ gewendete positive Aggression handelt. Der Dialektiker würde vom (qualitativen) Umschlag sprechen. Goodman bezeichnet den Vorgang in der psychoanalytischen Tradition als »Bindung«: Das Bedürfnis wird an ein falsches Objekt gebunden oder zeitlich festgeschrieben. Das falsche Objekt kann der eigene Organismus sein oder ein außenstehender Sündenbock. Oder es findet eine zeitliche Entgrenzung statt: Die Wut kocht auf, aber der Hass währt ewig. Andere, eher gestalttheroretische (sowie an Reich angelehnte) Worte der Beschreibung könnten etwa »Erstarrung« oder »Verhärtung« sein: Die Figur ist nicht mehr plastisch für die eigenen Bedürfnisse und sich wandelnde Bedingungen der Umwelt.

Das Kriterium, um die positive von der negativen Aggression zu unterscheiden, ist, ob das Selbst Schaden nimmt. Oder anders gesagt: Keine Aggression ist positiv, die dem Selbst schadet. Dies ist ausdrücklich eine individualistische Perspektive, aber sie ist nur insoweit »anti-sozial«, wie Bedingungen der Gesellschaft der Bedürfnisbefriedigung entgegenstehen. Denn Goodman nimmt ausdrücklich die echten sozialen Funktionen in die Definition des Selbst mit hinein; kurz: Jemand, der der Umwelt schadet, schadet sich selbst. Um zu einer sinnvollen Sozialität zu gelangen, brauchen wir den individualistischen Standpunkt nicht aufzugeben, sondern bloß, wenn wir »anti-persönliche« Bedingungen gesellschaftlich durchsetzen wollen. – Das nächste Mal ein paar Überlegungen dazu, ob bzw. wie dieser Ansatz mit Murray Rothbards Ethics of Liberty und dem non-aggression principle zusammengedacht werden kann.



2 Reaktionen

„Jemand, der der Umwelt schadet, schadet sich selbst.“

Das kann ich logisch nachvollziehen. Das sehen wohl auch die meisten ein.

Voraussetzung dafür ist doch im Grunde, daß derjenige der Schaden anrichtet, empathiefähig ist und erkennen kann, daß anderen Schaden entstanden ist. Daß er sich in die Situation der geschädigten Person/en versetzen kann. Daß er das durch das eigene Handeln entstandene Leiden als unangenehm oder gar als unerträglich empfindet.

Das Nicht-Aggressions-Prinzip setzt doch eigentlich erst nach dieser psychologischen Grundvoraussetzung an. Es beruht doch bereits auf der Einsicht, daß man anderen nicht schadet.

Muß die „Therapie“ denn nicht vorher ansetzen? Wie kann ein Individuum dazu gebracht werden, zu fühlen, oder besser mitzufühlen, wie sehr das eigene aggressive Handeln jemand anders in eine schmerzliche Situation gebracht hat?

Das Nicht-Aggressions-Prinzip funktioniert nur, wenn die Einsicht vorherrscht, daß das durch mich verursachte Leiden des anderen auch mein eigenes Leiden ist.

Das Nicht-Aggressions-Prinzip funktioniert nur, wenn die Einsicht vorherrscht, daß das durch mich verursachte Leiden des anderen auch mein eigenes Leiden ist.

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