Auf dem Weg in die Kultur-GEZ

Hier ein Fallbeispiel, das “skurril” zu nennen seine Gefährlichkeit leider herunterspielen würde, für die gegenseitige Indienstnahme von Politik und Religion. Aus einem Papier von Grünen (!) Katholiken* (!?), das die Talibanisierung der BRD hurtig vorantreiben möchte:

“Ist es sinnvoll zuzuschauen, dass viele Menschen wegen der Kirchensteuer aus unserer Kirche austreten? Wir meinen, es ist auch aus der Perspektive unserer Kirche richtig, einen Reformweg zu beschreiten, der sich am italienischen Vorbild einer ‘Kulturabgabe’ orientiert, welche alle Menschen an eine gemeinnützige Institution ihrer Wahl entrichten. Dies stärkt die Position der Kirche mehr als Debatten über die kircheninternen Konsequenzen der Verweigerung von Kirchensteuerzahlung. Wir halten es aber für richtig, dass die Kirchensteuer – egal in welcher Ausgestaltung – über staatliche Institutionen eingezogen werden kann. Dies vermindert bei allen Beteiligten Verwaltungskosten.” (Hier.)

So sehr ich auch nachdenke, mir fällt dazu kein schlauer Spruch ein, weder zynisch oder ironisch noch sachlich. Ich bin schlicht sprachlos. Es ist, als habe es nie einen Wilhelm von Humboldt gegeben. Welchen Begriff – oder besser. Unbegriff – von Freiheit diese Autorengruppe hat, lässt sich an folgender Passage im gleichen Papier ersehen:

“Wir erachten es zudem als falsches Zeichen, die Tridentinische Messe unter vereinfachten Bedingungen wieder zuzulassen. [...] Freiheit im Glauben bedeutet für uns auch, den Gemeinden eine größere Autonomie zuzugestehen.”

Also wenn nicht die Entscheidung über die Sprache, in der die Feier der Eucharistie, dem wichtigsten spirituellen Erleben in der katholischen Kirche, abgehalten wird, nicht unter die Freiheit bzw. Autonomie der Gemeinde fällt, fällt mir nichts mehr ein. Pfui Teufel.

———

* Mit besonderer Freude verweigere ich hier das politisch korrekte -Inn-, das sowohl sprach- als auch visuell-ästhetisch indiskutabel ist.

8 Comments
  1. Toleranz ist für Demokraten nun einmal eine Einbahnstraße. Man denke an die immer wieder geradezu selbstverständlich vorgetragenen Intoleranzaufrufe gegenüber Nichtdemokraten.

    Der Bezugstext ist wirklich von einer solchen Dichte an Unsäglichem, daß es einem wirklich erst einmal die Sprache verschlagen kann. Letzten Endes trieft die präsentierte Haltung jedoch an allen Ecken und Enden von einer Prävalenz staatlicher Präferenz. Ein Detail: 9% nimmt Gevatter Staat der Kirche fürs Factoring ab. Das ist mindestens dreimal so hoch wie der Branchendurchschnitt und sicher fünf mal so hoch, wie es bei der Masse kalkuliert werden würde. Aber aus dem Bauch heraus ist das für etatistische Ideologen nicht qualifizierbar: Es soll ja der Staat machen.

    Doch Schluß mit dem Lamento über Verführte und Verführer. Für die Kirche stellt die Wiedergewinnung der “alten” Liturgie eine Bereicherung dar. (Sie wird ja nicht zur Pflicht.) Fürs Katholische ist eine Verbreiterung eigentlich die Sache schlechthin, ist es doch das Allgemeine, möglichst Ganze. (Das Wort katholisch stammt von griechisch καθολικός -katholikós- aus κατὰ katá um … willen und ὅλον hólon das Ganze.) Freuen wir uns, daß die Kirche Maria nun sichtbarer den Mantel ein gutes Stück weiter ausbreiten läßt, wie in dem schönen Marienlied von 1640 delektierlich gesungen:

    Maria, breit den Mantel aus,
    mach Schirm und Schild für uns daraus;
    laß uns darunter sicher stehn,
    bis alle Stürm vorüber gehn.
    Patronin voller Güte,
    uns allezeit behüte.

    Dein Mantel ist sehr weit und breit,
    er deckt die ganze Christenheit,
    er deckt die weite, breite Welt,
    ist aller Zuflucht und Gezelt.
    Patronin voller Güte,
    uns allezeit behüte.

    Maria, hilf der Christenheit,
    zeig deine Hilf uns allezeit;
    mit deiner Gnade bei uns bleib,
    bewahre uns an Seel und Leib.
    Patronin voller Güte,
    uns allezeit behüte.

    O Mutter der Barmherzigkeit,
    den Mantel über uns ausbreit;
    uns all darunter wohl bewahr,
    zu jeder Zeit in aller Gefahr.
    Patronin voller Güte,
    uns allezeit behüte.

  2. Die Ethiksteuer ist doch nichts weiter als die notwendige Konsequenz der „Gesellschaft“. Wenn man der Ansicht ist, daß so ziemlich alles, was einen ausmacht, von der Gesellschaft gegeben wurde, dann muß man auch so ziemlich alles wieder zurückgeben.

    Das Hauptproblem ist nicht der Glaube an den Staat, sondern der Glaube an die Gesellschaft.

  3. Herrlich finde ich auch den Begriff der “Steuersubvention”. Der bringt das herrschende Denken auf den Punkt. Man schenkt jemandem etwas, wenn man ihm weniger wegnimmt. Was man an ihn, den Staat, oder ihr, der Gesellschaft zu geben hat, das gehört einem gar nicht erst.

    Und dann sitzen tatsächlich diese zeitgeistigen Menschen in diesen Talkrunden und bringen dann so Kalauer wie: Ja, ja Subventionsabbau ist auch notwendig, aber an den richtigen Stellen. Lasst uns mit dem Abbauen bei den Steuersubventionen anfangen.
    So wird der Staat schlank.

    Und wie gesagt, seitdem ich Roger Willemsen sah, wie er um höhere Besteuerung bettelte, hab ich das Wundern eingestellt. Es geht nicht mehr ums Sprachloswerden. Die Phase ist längst vorbei. Der Bart ist ab. Lustig war vorgestern.

  4. Das mit der Steuersubvention ist in dem Moment vollkommen logisch, in dem man das Prinzip der Besteuerung grundsätzlich akzeptiert hat. Zeitgeistig ist das nicht.

    Was ich, und zwar zunehmend, lustiger finde ist, wenn sich jemand darüber beschwert, die Steuern seien „zu hoch“ und etwas niedrigere Steuern seien doch eigentlich für den Staat besser, und selbstverständlich müsse jeder seine Steuern bezahlen und sich an die entsprechenden Gesetze halten.

  5. Pingback: B.L.O.G. – Bissige Liberale ohne Gnade » “Kulturabgaben” und “Ethiksteuern”: die Sicht eines liberalen Christen

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