mit grossem interesse verfolge ich z.zt. eine sozusagen postmoderne rekonstruktion der kritischen theorie. durch einen zeit-magazin-artikel über die berliner philosophin rahel jaeggi (hier ein spon-interview) habe ich ihr buch ‘entfremdung’ (campus-verlag) – eine lesefassung ihrer dissertation – kennengelernt. und schon einiges darin herumgelesen.
sympathisch daran ist auf anhieb, dass man frau jaeggi bei ihren denkprozessen gewissermassen über die schulter schauen kann. das hermetische philosophenherumgerudere auf dem ureigensten denktümpel weicht einer offenen darstellung der prozesse, fragen, antworten, reichweitenbestimmungen und lücken. ihr erkenntnisinteresse (sonst in der fachphilosophie meist hinter wissenschaftlicher barrikade wohl verborgen) ist gleichzeitig ihr offensiver leitstern, ihr movens, ihr bekenntnis.
kurz gesagt geht es ihr (ich hoffe, ich habe genug gelesen + verstanden, um das sagen zu dürfen) um eine rekonstruktion des seit 30 jahren verschollenen begriffs der entfremdung. und, wie sie sagt: zu recht verschollen. denn seine voraussetzung war bislang (und die kritische theorie, eigentlich eine entfaltung des entfremdungsbegriffs, hat sich da keinen kopf d’rüber gemacht) eine essentialistische, ontologische vorstellung vom ‘richtigen leben’. denn wie soll die entfernung von ‘etwas’ kritisch betrachtet werden können, wenn dieses ‘etwas’ als positives, gesetztes, erkanntes gar nicht da ist, nicht verbindlich bestimmt werden kann? entfremdung war eine wertbestimmung, die die nennung + legitimation des als unentfremdet gesetzten zustandes schuldig blieb. dieser seltsam blinde fleck der kritischen theorie ist mir am deutlichsten in horkheimers grandiosem essay ‘kritik der instrumentellen vernunft’ in erinnerung: die zermalmung menschlicher biotope durch rationale rechenkünste – instrumentelle vernunft halt – war mir schon immer begrifflich + emotional nah, der gegenpol, die zielsetzung durch objektive vernunft (also die konstruktion des unentfremdeten) jedoch ziemlich unterbelichtet. horkheimer hat das – für mich jedenfalls vollkommen unbefriedigend – in einem späteren essay nachgeholt: ‘die sehnsucht nach dem ganz anderen’ – eine offenbarung des theologischen kerns der kritischen theorie, einer annäherung an eine ontologisch gesetzte unentfremdetheit.
jaeggi geht da viel munterer zu werke: an hand von einigen fallbeispielen versucht sie, das ontologische ganze in sensible + trennscharfe handlungsanalysen kleinzuhächseln, dem gesetzten grossen+ganzem die erst im alltagsvollzug entstehende selbstreferenzialität des handelns und des handlungsverstehens entgegenzusetzen.
fast wäre ich versucht zu sagen: sie schreibt das ‘missing manual’ für die blackbox, die mises als fundamentum seiner nationalökonomie formuliert. für mises ist das entstehen der wertereihung in kopf+herz des einzelnen kein wirtschaftswissenschaftliches oder philosophisches sujet (da sollen sich anthropologen, psychologen oder psychoanalytiker d’rum kümmern), er fängt erst an, wenn die ‘schon fertigen’ wertereihungsträger sich begegnen und interagieren.
rahel jaeggi geht es aber genau um die entstehung, festigung, zerstörung und neuanlage von wertreihungen. nicht in einem normativen sinn (was darf wer wann und wozu), sondern mit der fragestellung, ob wertereihen ‘tatsächliche’ bedürfnisse widerspiegel, wie ‘eigen’, wie ‘frei’ diese wertereihungen sind – oder wie konventionell, aufgezwungen, uneigen und unfrei. die denkbewegungen, die sie zu diesen darstellungen nutzt, referenzieren nie auf ein behauptetes + inhaltlich bebildertes ideal. das verkneift sie sich nicht nur formal (‘eine philosophin der postmoderne tut so was nicht!’), sie zeigt auch, dass ein solches ideal selber drangsalierend wirken würde + nichts dazu beitrüge (im gegentum!), zu unterscheiden, was ‘eigen’ ist + was ‘fremd’.
so, jetzt muss ich mein pflaumenchutney eindosen gehen …

hanz
Jede Theorie, jede wissenschaftliche Disziplin hat eben ihr möglichst klar abgestecktes “Feld”. Spezialisierung, wissenschaftliche Arbeitsteilung halt. Es gibt sicherlich auch interdisziplinäre Ansätze. Auch diese sind wichtig. Und Interdisziplinäres kann es auch nur geben, wenn es bereits Disziplinen gibt, so wie es den Internationalismus nicht ohne Nationen geben kann.
Praxeologisch gesehen ist die “Wertereihung” oder der Akteur auch nie “fertig”, sondern immer in potentieller Veränderung. Die “Wertereihung” hat eine u. a. zeitliche Ausdehnung, ist damit gerade nicht “logisch”. d.h. nicht statisch/zeitlos-konsistent. Siehe auch “IV. Das Problem der Gleichzeitigkeit und die Vorstellung vermeintlich irrationalen Handelns” in der NÖ.
Aus a>b und b>c folgt praxeologisch eben nicht wie in der klassischen Logik, dass a>c ist. Denn all das sind Wertungen, die notwenig zu unterschiedlichen Zeitpunkten stattfinden müssen, und so wird auch ein dynamisches, “unlogisches” a<c möglich.
"Warum" nun ein Akteur diese und jene Präferenz zu einem bestimmten Zeitpunkt hat, oder in einer Situation so und nicht anders gehandelt hat, wird man restlos nie verstehen. Das versteht ja oft nicht einmal der Handelnde. Und er wäre ja noch der Eheste, der zu befragen wäre, warum er tut, was er tut.
Und Befragen bedingt eine Sprache, ein Begriffsystem (was du wohl "black box" nennst), die eine Fragestellung überhaupt erst ermöglicht.
Man benötigt den Begriff der "Präferenz", um überhaupt danach fragen zu können und darauf aufbauend Empirik betreiben zu können. Klingt banal, aber macht den Sinn von nicht-empirischer, "reiner", aprioristischer Wissenschaft deutlich.
Anders gesagt: mehr als "black box" liefert da auch jede andere reine, formale Theorie, also eine Theorie "im Kern" nicht. Sie kann halt andere Begriffe ("Entfremdung", "alienation") einführen und daraus ein weiteres Begriffsystem entfalten. Aber mehr eben auch nicht.
Und man kann es drehen und wenden wie man will, eine passende Anwort darauf wird keine wertfreie sein, denn die Frage fragt ja gerade nach einer Wertung
. Das Ganze ist also nur perspektivisch, subjektiv entscheidbar, ansonsten unentscheidbar.
Das Konzept der Entfremdung, dieser Begriff ist doch selbst behauptete Idealisierung. Ohne irgendein “Ideal”, also unterscheidende Abstraktion gäbe es gar nichts mitzuteilen. Um “Inhalt” kann es sowieso nie gehen. Der kann bekanntlich nur im Rezipienten, im Empfänger entstehen. Der malt dann seine inneren “Bilder”. Was zwischen den Menschen sprachlich ausgetauscht wird, ist immer formal, also nichts als äußere Form, Ausdruck. Da muss sich nichts verkniffen werden, denn mehr ist sprachlich gar nicht möglich. Der individuelle Eindruck ist dann eine andere, ganz unbegreifliche Welt.
Letztlich: entweder schneidet man seine Formen, seine Abstraktionen, seine Ideale in die noch formlose Welt – und es werden immer scharfe, harte, gewaltsame, grobe Schnitte sein gemessen an dem, in das geschnitten wird – oder man stellt das Begreifen der Welt im Sinne einer Begriffsbildung und Begriffsanwendung ein und fließt und schweigt stattdessen.
Andreas Ullrich
neijj, hast du das schee g’sagt … muss leider wieder weg, sonst würde ich das dritte (frisch nach: tertium non datur) versuchen zu entwickeln. später …
Andreas Ullrich
so schreibt’s kierkegaard in seinem ‘entweder-oder’. im gegensatz zu deiner formulierung findet aber das gegensatzpaar (abstrakt-konkret) eine prozesseinheit im selbst, in der person, im ich. du hast diesen prozesscharakter ja auch durch die betonung der zeitgebundenheit von wertungsreihefolgen gemeint, ihre instabilität und unauflösbarkeit durch rational-logische analysen. aber zum schluss kommt doch beides bei dir getrennt + nur alternativ ausschliessend zur (schönen) sprache. das finde ich schade.
das dritte (michael, weghören: echt endkrasser dialektikalarm!), das die klassische logik im begriff der synthesis
entmanntverniedlicht + beruhigt hat, ist doch eigentlich das salz der erde: die bewegung. das dritte ist nichts instanzhaft manifestes, es ist der weg, das verfahren, die reflektion, die begier, von der einen metallplatte zur gegenüberliegenden zu gelangen: es ist die zivilisierung, vernünftigung + überlebensnotwendige entschärfung der scheint’s unbändigen lust, weiter zu gehen, als die mauern es erlauben. diesen hammerharten impuls nicht sterben zu lassen (‘das unmögliche fordern’) und sich dabei nicht das genick zu brechen ist doch ein schönes bild für die dialektische leistung des ichs. das dritte ist kein begriff, es ist handlung.hanz
Ich glaube, da hast du mich falsch verstanden.
. Mises spricht da bspw. von einer “Begriffsentfaltung”. Ein Prozess.
Begreifen ist doch Bewegung
Man braucht aber auch fixe Bezugspunkte, um überhaupt eine Bewegung feststellen zu können. Bewegung fest-stellen.
Bewegung und Fixerung gehören zusammen. Also so gesehen gibt es da tatsächlich kein “Drittes” für mich.
Wittgenstein, “Über Gewißheit”
Die “Alternative” dazu ist das absolute Geräusch, white noise, maximale Entropie, alles gleichermaßen, alles zusammen, alles begriffslos-unfassbar. Darin kann man sich nicht mehr “bewegen”. Es ist nur noch ein einziger rauschender, völlig zerfließender Zustand, der keine scheidbaren Alternativen, auf die man sich zubewegen könnte, kennt, weil jegliche Struktur fehlt.
Freiheitssplitter
Langsam lesen. Bewegung? Letztendlich gibt es nur Freiheitssplitter. Bäng. Hier und da. Gestern und heute. Wirklich nur manchmal. Da fliegt einem etwas um die Ohren – betäubt. Bewegung. Danach schnappen, blind. Alles ist voller Staub. Ducken. Fliehen. Geschafft oder vergebens.
Andreas Ullrich
wenn ich mir deine site ansehe (gras, pusteblumen), dann sage ich mir, dass freiheit nicht splitterig sein kann. sie braucht erde, wurzeln, wachsen+werden, altwerden, zur neige gehen, beenden … organische prozesse, keine splitterungen.
fiel mir nur so auf …
Freiheitssplitter
Es sind halt nur noch Splitter übrig. Die finden sich manchmal noch, sind oft scharfkantig, nur wenige bereits abgeschliffen. Natürlich kann Freiheit so nicht sein. Soll sie wieder werden, braucht sie tatsächlich all das von Dir in Worte geformte.