rettungsAusfall

Mt 4,8 Darauf führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit 9 und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. 10 Da sprach Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn es steht geschrieben: »Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.« 11 Da verließ ihn der Teufel.

Ein starkes Stück. Gott verzichtet auf seine (All-) Macht. Diese Stelle unterstreicht den ultimativen Machtverzicht bei der Verhaftung und beim Kreuzestod. Die Hoffnung auf Wiederkehr, Endkampf und Machtübernahme erscheint in diesem Zusammenhang eher das Unbehagen der Menschen wiederzuspiegeln, die Hoffnung auf die Erlösung durch Macht, die es nicht geben kann. Denn wer die Macht nimmt, wird zum Teufel.

Was bleibt Bruder Jesus? Eine Heilung hier und da, die Arbeit im und am Kleinen.

Goodmans Kritik an Großlösungen, an militärischen Lösungen, Hayeks Kritik am Konstruktivismus sind Echos des göttlichen Machtverzichts. Und sie sind sehr aktuell. Wir sehen, im Prinzip seit dem ersten Weltkrieg, wie die Vorstellung der USA, durch Macht Gutes zu tun, sich stets ins Gegenteil verkehrt. Aber aus Schaden werden wir anscheinend nicht klug.

 

Schadhilfe

Der Südsudan wird unabhängig. Leider sieht alles danach aus, dass sie Menschen dort wenig Selbstbestimmung und Entwicklungschancen bekommen. Jedenfalls gibt sich die Weltgemeinschaft Mühe, das zu verhindern.

Wir brauchen Hilfe aus Deutschland und anderen Staaten, bis wir auf eigenen Füßen stehen können“, sagt Präsident Kiir auf der Pressekonferenz mit Niebel. Auf die Frage, was am dringendsten benötigt werde, sagt er: „Wir brauchen alles.“ Vor allem müsse der Staat Infrastruktur aufbauen. „Wir haben zu wenige Schulen, wir haben Probleme mit der Gesundheitsversorgung und mit der Versorgung mit Nahrungsmitteln.“ […] Im Süden fehlt es an allem: an Fernstraßen, an Schulen, an öffentlicher Verwaltung, an ausgebildetem Personal. Die große Mehrheit der Südsudanesen kann nicht lesen und schreiben. [Welt online.]

Der Marxist (!) Michael Katz hat in einer Fallstudie für die Mitte des 19. Jahrhunderts gezeigt, dass der wirtschaftliche Aufbau in Massachusetts von ungelernten Arbeitern geleistet wurde. Die Schulbildung hatte, entgegen der damals schon ausgeprägten etatistischen Bildungspropaganda, daran keinen Anteil.

Tatsächlich ist der Südsudan ein reiches Land, zumindest theoretisch. Zwei Drittel der großen Ölvorkommen, die es im gesamten Sudan gibt, liegen im Süden. Erze und Edelmetalle – vor allem Gold – können weiter ausgebeutet werden, die Böden sind fruchtbar, nicht nur entlang des Nils. […] „Die Investoren stehen Schlange“, sagt Manfred van Eckert, der Länderdirektor der deutschen Entwicklungsorganisation GIZ. [ebd.]

Die deutschen Entwicklungsexperten [helfen] mit mehreren Millionen Euro […] bei der Etablierung eines Steuersystems. [ebd.]

Andere werden sich finden, die das Entwicklungspotenzial mit der Etablierung eines Schulsystems zerstören:

Das Land wird vor der Unabhängigkeitserklärung von Geld- und Hilfsangeboten geradezu überrollt. Die Millionen an Hilfsgeldern, die nun ins Land kommen und noch kommen werden, würden zwar nicht unbedingt gebraucht, meint der Präsident. Man werde sie aber dankbar annehmen: „Wenn der Nil viel Wasser führt, dann kann er sich nicht dagegen wehren, wenn noch mehr Wasser hineinkommt.“ [ebd.]

Der Untergang des Abendlandes (Fassung für Einfältige)

Friede macht Reichthum,
Reichthum macht Übermuth,
Übermuth bringt Krieg,
Krieg bringt Armuth,
Armuth macht Demuth,
Demuth macht wieder Friede.

VolXmund, aus: Sailer – Die Weisheit auf der Gasse (1810), GRENO 1987

menschenFischer II

Al-Qaida-Kämpfer verstärken die Bodentruppen der Rebellen in Libyen, die NATO unterstützt sie aus der Luft: Wächst mal wieder zusammen, was zusammen gehört? Behält Guido schneller Recht, als seinen Gegner, insbesondere den grünen (¡die-Farbe=Gaddafis!) Bellizisten, lieb sein kann? (Wenn jemand Recht behält mit der Verzögerung von ein paar Jahren: interessiert das politisch meist nicht mehr. Dafür gibt es leider viele Beispiele. So z.B. Wilhelm Reichs Vermutung, das nicht FBI-CIA ihn in den USA verfolgten [wie noch in den 1960er Jahren in neu-linken Kreisen es als unumstößliche Wahrheit galt], sondern in der FDA untergekrochene Kommunisten: Nach wie vor gilt Reich bei Freund und Feind als Kommunist.) Goodmans Position aus dem zweiten Weltkrieg – bewaffneter Widerstand ist legitim, Krieg führt aber nie zum Guten – ist nach wie vor gültig. Denn sowohl für die Rebellen als auch für die NATO ist die Unterstützung durch erfahrene Al-Qaida-Kämpfer militärisch gesehen unabweisbar. Die schlichte Aufforderung, eine solche Unterstützung abzulehnen (wenn sie überhaupt praktisch umsetzbar sein sollte), ist militärisch unsinnig: sie könnte den Sieg kosten. Falsche Praxis ist keine.

»New Reformation«: Nachtrag

Der Titel allerdings misslang Goodman. Der positive Anschluss an die »Reformation« ist erst in einschränkender Verbindung mit dem Untertitel – »Notizen eines Steinzeitkonservativen« – zu verstehen: Nur die Richtung der Reformation, die sich am ursprünglichen mittelalterlich-katholischen Christentum orientierte, konnte für den Thomisten Goodman Vorbild sein. Gleichwohl enthielt der Titel fast mehr Wahrheit, als der Autor beabsichtigte. Denn in der Tat wurden die Protestierer der 1960er Jahre ebenso wie die Protestanten des 16. Jahrhunderts zu unfreiwilligen Vollstreckern genau derjenigen Veränderungen, die notwendig waren, um dem Herrschaftssystem über eine innere Krise hinwegzuhelfen und es zu modernisieren. Beispielsweise bedeutete im 16. Jahrhundert die Schwächung der – zugegebenermaßen entstellten – geistlichen Autorität weniger die erhoffte Befreiung als vielmehr das Stattgeben für die sich formierende staatliche Herrschaft. Und beispielsweise bedeutete in den 1960er Jahren der Angriff auf die – zugegebenermaßen missbrauchte – Selbstständigkeit der entstellten professionals weniger eine basisdemokratische Errungenschaft als vielmehr eine Stärkung von verwaltungsdemokratischer Gremienherrschaft. Goodmans gesamtes Buch ist gekennzeichnet vom Widerspruch, eine Hoffnung auf die Protestbewegung zu formulieren, deren Richtung sich schon gegen seine Absichten verändert hatte.

»New Reformation« 3: Rechtmäßigkeit

Die Schule ist Teil eines Gesamtsystems, des Staates. Dieses Gesamtsystem nahm Goodman im dritten Teil von »New Reformation«Legitimacy – in den Blick. Das Verhängnis der Schule stellt sich heraus als nur ein Fall unter vielen Fällen des Verhängnisses verstaatlichter Gesellschaften. Da der Staat nicht Bund ist, nicht Gilde, nicht freie Assoziation, da der Staat nicht aus Übereinkunft oder Vertrag entsteht, sondern aus Gewalt, kann staatlich Organisiertes keine Selbständigkeit enthalten. Die Organisation selbstständig handelnder Menschen muss sich fortgesetzt aus freiem Übereinkommen erneuern. Jede staatliche Organisation überformt eine eventuell zugestandene Selbstständigkeit durch deren Teilhabe am Gewaltzusammenhang. Der Staat gewährt Selbstständigkeit wie die spielende Katze der Maus Bewegungsfreiheit lässt.

Diese Aussage, die wohl jeder für diktatorische Systeme gelten ließe, macht Goodman auch und gerade für das demokratische Amerika geltend. Der Gewaltzusammenhang ist aus dem unmittelbaren Erfahrungsbereich der meisten Bürger entfernt und kann darum um so unbeschadeter vollzogen werden. Die Lähmung von Initiative und Engagement, die der Gewaltzusammenhang nach sich zieht, erscheint dann als naturgegeben, als im Trend der Geschichte liegend, als im Menschen begründet, als Fehler des Einzelnen. Goodmans gestalttherapeutische Aussagen beziehen sich zum großen Teil auf die Analyse der krankmachenden Auswirkungen, die der versteckte Gewaltzusammenhang auf das Individuum hat.

Das Geheimnis des demokratischen Gewaltzusammenhangs ist Monopolisierung und Zentralisierung. Auf der Angebotsseite machen Monopolisierung und Zentralisierung aus den selbständigen professionals Befehlsempfänger. Aus Unabhängigkeit wird Unterwürfigkeit, aus Stolz wird Ängstlichkeit, aus der Berufsehre wird Jobmentalität. Aus Berufstätigen wird Personal. Auf der Nachfrageseite kreieren Monopolisierung und Zentralisierung falsche Interessen. Wer – um im Bereich der Ausbildung zu bleiben – einen unter das Verhängnis geratenen Beruf auszuüben anstrebt, orientiert sich praktischerweise nicht an den Erfordernissen, die sich in der Aneignung und neu zu erarbeitenden eigenen Deutung des betreffenden Berufs ergeben, sondern an der Erreichung von Diplomen, Lizenzen, Approbationen, Zulassungen. Diese Orientierung an den willkürlich von außen gesetzten Regeln produziert selbst erneut die Nachfrage nach entstellten professionals, etwa als Lehrer, Ausbilder, Trainer. Denn man will schließlich den Abschluss erreichen oder die Zulassung erhalten, und darum verlangt man vom Ausbilder, dass er auf dem schnellsten und einfachsten Wege dahin führen möge.

Im Fall der Schule ist sowohl die Monopolisierung als auch ihr direkter Anteil am Gewaltzusammenhang noch relativ deutlich zu erkennen. Darum fügt sich die Pädagogik – einschließlich der modischen Gestaltpädagogik – ihrer verschleiernden Rolle, solange sie sich, wie gegenwärtig, dagegen sträubt, überhaupt die Staats- und Gewaltfrage zu diskutieren.

- Mit der Schule hat der Staat eine gesellschaftliche Funktion erobert, sich selbst meist die einzige Lizenz zur Erfüllung der Funktion vorbehalten oder jedenfalls die strikte Kontrolle über ihre Erfüllung. Schon dieser Akt ist zweifellos ein Gewaltakt.

- Ein zweiter offener Gewaltakt besteht in der Schulpflicht. Sie geht sogar über Monopolisierung hinaus, denn sie stellt einen Annahmezwang für eine Dienstleistung her. Einen solchen Annahmezwang gibt es auch im Therapiebereich.

- Der dritte, etwas verdecktere Gewaltakt ist die Finanzierung der Schule über Steuern. Aber ein wenig Nachdenken zeigt sofort, dass Steuern notwendigerweise einen Gewaltzusammenhang herstellen. Denn um freiwillige Beiträge handelt es sich offenbar nicht.

Neben der relativ offenen Monopolisierung und Zentralisierung des Schulsystems hat der moderne demokratische Staat im berufspolitischen Bereich nach Goodmans Einsicht (unter anderem) ein weiteres, sehr produktives Instrument geschaffen: Die professionals werden Regeln unterworfen, die sie sich selbst gegeben haben. Dabei heißt »sich selbst gegeben«, dass eine zentrale Instanz der Vertretung geschaffen wird. Der Berufsverband erscheint noch als Organ der Freiwilligkeit und der beruflichen Selbstständigkeit, verändert aber sofort seine soziale Funktion: Er wird zu einem Zwangsverband im Rahmen der Verstaatlichung. Aus dem freiwilligen Verband wird ein lizenziertes Monopol, das die Mitglieder nicht vertritt, sondern kontrolliert, und insbesondere, das die Macht hat, nach willkürlichen Gesichtspunkten zu benachteiligen, sei es nach Geschlecht, Rasse, Religion, Kultur oder beruflicher Auffassung. Goodman verstand seine Überlegungen als Erneuerung der anarchistischen Theorie. Der demokratischen Idee von »Legitimierung durch formale Verfahren« warf er vor, nur die Entscheidungen über die Lenkung der Gewalt verändert zu haben, nicht aber die Gewalt als gesellschaftliches Steuerungsinstrument zu verringern. Dagegen stellte er seine Idee von Selbstständigkeit, deren Existenz und Existenzmöglichkeit er an den professionals nachweisen zu können meinte, wenn auch in entstelltem Zustand. Damit schließt sich in »New Reformation« der Kreis der Argumentation: Goodmans Kritik an den professionals steht im Dienst von deren Verteidigung.

»New Reformation« 2: Erziehung

Der zweite Teil des Buches »New Reformation«: Education of the Young setzt bei der Frage der Entfremdung ein. Als Gestalttherapeut sah Goodman die falsche Auffassung vom Beruf sowohl unter den angepassten als auch unter den rebellischen Jugendlichen begründet in konkretem Tun – in der langewährenden Erfahrung der Schule. Das staatlich monopolisierte Bildungswesen lässt nach Goodmans Analyse nur das Rollenspiel zu, weil es ein Herrschaftssystem ist. Es verhindert, dass die Sache und ihre inneren Werte zur Geltung kommen.

Goodmans Schulkritik deute ich als ein Beispiel für die Analyse einer Institution, die mit Zwang arbeitet. Auch Therapeuten befinden sich oft in der Situation, in Zwangs­Institutionen eingebunden zu werden – zum Beispiel in der Schule, in der Psychiatrie, im Justiz- und Gefängniswesen, in der Sozialarbeit, in der Suchtvorbeugung.

Die Schulpflicht und das Berechtigungswesen überlagern die Arbeit an dem, was die Sache verlangt und erzwingen eine Arbeit an dem, was bestenfalls die Sozialtechniker geplant und was schlimmstenfalls rein zufällig entsteht. Die Lehrer werden einerseits als Unterrichtsbeamte zu weisungsgebundenen Befehlsempfängern, die über keine berufstätige Selbstständigkeit verfügen; andererseits werden die Lehrer durch die Schülerinteressen auf das effektive Einpauken des Stoffes verpflichtet, eine Effektivität, die schon darum unmöglich ist, weil die Schüler auf den Zwang oft mit Widersetzlichkeit antworten. Dabei sind die Schülerinteressen nicht eigene Interessen der Schüler, sondern selbst wiederum Ergebnis des äußeren Zwangs, auf den sie nur reagieren.

Diesem Verhängnis der Schule ist nicht durch Reform der Inhalte und Methoden zu begegnen. Dies sage ich besonders mit Hinblick auf die gegenwärtige »Gestaltpädagogik«, die – wie mir oft scheinen will – nun endlich einen Weg gefunden zu haben meint, Gestalttherapeuten mit dem System versöhnen zu können. Diese Versöhnung ist eine schlimme Illusion, denn es ist die Struktur der Schule als staatlicher Institution, es ist ihr Zwangs- und Monopolcharakter, der sie das Entstehen von nichtentfremdeten Berufen verhindern lässt. Wenn Zensuren-Druck durch aufgezwungene psychotherapeutische Zuwendung ersetzt wird, ist dies keine Humanisierung der Schule, sondern ihre Verschärfung: ihre Ausdehnung auf die Kolonialisierung der innerpsychischen Bereiche. Oder wenn der »Frust« eines Lehrers durch psychotherapeutische Methoden »wegrationalisiert« wird, ist dies kein Beitrag zur Wiederherstellung des Lehrerberufs, sondern zum Ausputzen vom heilsamen »Sand im Getriebe«. Denn: Im »Frust« drückt sich noch aus, dass der Lehrer am System leidet; und dieses Leiden ist ihm einzig geblieben, um seine Selbstständigkeit, seine Persönlichkeit und seine Aufrichtigkeit auszudrücken.

 

»New Reformation« 1: Professionalismus

In »New Reformation: Notes of a Neolithic Conservative« versuchte Paul Goodman 1970 eine Gesamtinterpretation des Bürger- und Jugendprotestes der 1960er Jahre, um die ursprünglichen Impulse zu verteidigen gegen die damaligen Trends

- zur »Bürokratisierung« der Bewegung,

- zum dogmatischen Marxismus und

- zum an das System angepassten »Marsch durch die Institutionen«.

Das Buch enthält drei Teile, die ich nacheinander kurz vorstelle.

»New Reformation« 1: Professionalismus

Im ersten Teil von »New Reformation«: Sciences and Professions ging Goodman aus von dem damaligen Unbehagen über und dem Protest gegen Wissenschaftler und andere professionals wie Lehrer, Ärzte, Therapeuten, Ingenieure usw., die Erfolg nur daran messen, ob ein Problem technisch, formal und instrumentell gelöst ist, nicht, ob es im Sinne der betroffenen Menschen gemeistert wurde. Das Unbehagen teilte Goodman und am Protest beteiligte er sich aktiv. Dennoch stimmte er den gängigen Schlussfolgerungen und den üblichen Forderungen nicht zu. Gängig und üblich war – und ist immer noch – die Vorstellung, dass die Wertfreiheit der professionals durch gesellschaftliche, ethisch motivierte Kontrolle begrenzt, überwacht und in die richtige, humane Richtung gelenkt werden sollte.

Für Goodman dagegen war die ethische Bezogenheit auf den Menschen Teil der Sache der professionals. Der Beruf des Arztes beispielsweise ist es, Kranke zu heilen. Wird der Arzt zum Vollstrecker eines mechanistischen Medizin- und Pharmaziebetriebes, macht er einen Job, in welchem er seine Rolle als Arzt spielt, übt aber keinen Beruf aus. Die Zweck- und Wertfreiheit ist Teil eines Entfremdungsprozesses, in welchem der Beruf sich aufzulösen beginnt.

Dies lässt sich Goodman zufolge im Verhalten der professionals – (in ihren psychischen Entstellungen) – nachweisen. Wenn nun diesem entstellten Verhalten der auf Jobausübung beschränkten professionals die so genannte »soziale Kontrolle« entgegengesetzt wird, schreibt die Kritik den Zustand der Entfremdung fest. Psychotherapeutisch gesehen ist das die klassische Situation der Behandlung des Symptoms durch Unterdrückung, die bekanntlich stets mit der Verschiebung zu neuen Symptomen zu rechnen hat. Politisch gesehen ist es die paradoxe Verstärkung des Bestehenden mittels Kritik: Die Kritik bringt genau das hervor, was das System zur eigenen Stabilisierung braucht.

Goodman begegnete dem verbreiteten Zweifel, ob es denn überhaupt ein »intrinsisches Ethos« gäbe – d.h.  eine in der Sache des Berufs organisch enthaltene Wertorientierung –, mit dem Argument: Gäbe es ein solches Ethos nicht, müsste angenommen werden, dass Technik tatsächlich wertfrei sei und man sich gleichsam »getrennt« von ihr über Sinn und Zweck verständigen könne. Der Vollzug der Technik und die Setzung von Sinn wäre überdies arbeitsteilig getrennt in die Gruppe der Techniker und die Gruppe der Kontrolleure. Diejenigen, die in dieser Arbeitsteilung dann als Kontrolleure und Sachwalter der Menschlichkeit sich sehen, müssten jedoch selbst ein Berufsethos – nämlich die Bezogenheit auf humane Zielsetzungen – in Anspruch nehmen, ein Berufsethos, das sie den anderen professionals absprechen.

Eine vernünftige Welt ohne Entfremdung kann Goodman zufolge nicht angestrebt werden, wenn die Kritik das Ergebnis der Entfremdung, die widervernünftige Spaltung der Vernunft in Technik und Ethos, festschreibt und sogar noch überhöht durch Arbeitsteilung.

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