Die Schule ist Teil eines Gesamtsystems, des Staates. Dieses Gesamtsystem nahm Goodman im dritten Teil von »New Reformation« – Legitimacy – in den Blick. Das Verhängnis der Schule stellt sich heraus als nur ein Fall unter vielen Fällen des Verhängnisses verstaatlichter Gesellschaften. Da der Staat nicht Bund ist, nicht Gilde, nicht freie Assoziation, da der Staat nicht aus Übereinkunft oder Vertrag entsteht, sondern aus Gewalt, kann staatlich Organisiertes keine Selbständigkeit enthalten. Die Organisation selbstständig handelnder Menschen muss sich fortgesetzt aus freiem Übereinkommen erneuern. Jede staatliche Organisation überformt eine eventuell zugestandene Selbstständigkeit durch deren Teilhabe am Gewaltzusammenhang. Der Staat gewährt Selbstständigkeit wie die spielende Katze der Maus Bewegungsfreiheit lässt.
Diese Aussage, die wohl jeder für diktatorische Systeme gelten ließe, macht Goodman auch und gerade für das demokratische Amerika geltend. Der Gewaltzusammenhang ist aus dem unmittelbaren Erfahrungsbereich der meisten Bürger entfernt und kann darum um so unbeschadeter vollzogen werden. Die Lähmung von Initiative und Engagement, die der Gewaltzusammenhang nach sich zieht, erscheint dann als naturgegeben, als im Trend der Geschichte liegend, als im Menschen begründet, als Fehler des Einzelnen. Goodmans gestalttherapeutische Aussagen beziehen sich zum großen Teil auf die Analyse der krankmachenden Auswirkungen, die der versteckte Gewaltzusammenhang auf das Individuum hat.
Das Geheimnis des demokratischen Gewaltzusammenhangs ist Monopolisierung und Zentralisierung. Auf der Angebotsseite machen Monopolisierung und Zentralisierung aus den selbständigen professionals Befehlsempfänger. Aus Unabhängigkeit wird Unterwürfigkeit, aus Stolz wird Ängstlichkeit, aus der Berufsehre wird Jobmentalität. Aus Berufstätigen wird Personal. Auf der Nachfrageseite kreieren Monopolisierung und Zentralisierung falsche Interessen. Wer – um im Bereich der Ausbildung zu bleiben – einen unter das Verhängnis geratenen Beruf auszuüben anstrebt, orientiert sich praktischerweise nicht an den Erfordernissen, die sich in der Aneignung und neu zu erarbeitenden eigenen Deutung des betreffenden Berufs ergeben, sondern an der Erreichung von Diplomen, Lizenzen, Approbationen, Zulassungen. Diese Orientierung an den willkürlich von außen gesetzten Regeln produziert selbst erneut die Nachfrage nach entstellten professionals, etwa als Lehrer, Ausbilder, Trainer. Denn man will schließlich den Abschluss erreichen oder die Zulassung erhalten, und darum verlangt man vom Ausbilder, dass er auf dem schnellsten und einfachsten Wege dahin führen möge.
Im Fall der Schule ist sowohl die Monopolisierung als auch ihr direkter Anteil am Gewaltzusammenhang noch relativ deutlich zu erkennen. Darum fügt sich die Pädagogik – einschließlich der modischen Gestaltpädagogik – ihrer verschleiernden Rolle, solange sie sich, wie gegenwärtig, dagegen sträubt, überhaupt die Staats- und Gewaltfrage zu diskutieren.
- Mit der Schule hat der Staat eine gesellschaftliche Funktion erobert, sich selbst meist die einzige Lizenz zur Erfüllung der Funktion vorbehalten oder jedenfalls die strikte Kontrolle über ihre Erfüllung. Schon dieser Akt ist zweifellos ein Gewaltakt.
- Ein zweiter offener Gewaltakt besteht in der Schulpflicht. Sie geht sogar über Monopolisierung hinaus, denn sie stellt einen Annahmezwang für eine Dienstleistung her. Einen solchen Annahmezwang gibt es auch im Therapiebereich.
- Der dritte, etwas verdecktere Gewaltakt ist die Finanzierung der Schule über Steuern. Aber ein wenig Nachdenken zeigt sofort, dass Steuern notwendigerweise einen Gewaltzusammenhang herstellen. Denn um freiwillige Beiträge handelt es sich offenbar nicht.
Neben der relativ offenen Monopolisierung und Zentralisierung des Schulsystems hat der moderne demokratische Staat im berufspolitischen Bereich nach Goodmans Einsicht (unter anderem) ein weiteres, sehr produktives Instrument geschaffen: Die professionals werden Regeln unterworfen, die sie sich selbst gegeben haben. Dabei heißt »sich selbst gegeben«, dass eine zentrale Instanz der Vertretung geschaffen wird. Der Berufsverband erscheint noch als Organ der Freiwilligkeit und der beruflichen Selbstständigkeit, verändert aber sofort seine soziale Funktion: Er wird zu einem Zwangsverband im Rahmen der Verstaatlichung. Aus dem freiwilligen Verband wird ein lizenziertes Monopol, das die Mitglieder nicht vertritt, sondern kontrolliert, und insbesondere, das die Macht hat, nach willkürlichen Gesichtspunkten zu benachteiligen, sei es nach Geschlecht, Rasse, Religion, Kultur oder beruflicher Auffassung. Goodman verstand seine Überlegungen als Erneuerung der anarchistischen Theorie. Der demokratischen Idee von »Legitimierung durch formale Verfahren« warf er vor, nur die Entscheidungen über die Lenkung der Gewalt verändert zu haben, nicht aber die Gewalt als gesellschaftliches Steuerungsinstrument zu verringern. Dagegen stellte er seine Idee von Selbstständigkeit, deren Existenz und Existenzmöglichkeit er an den professionals nachweisen zu können meinte, wenn auch in entstelltem Zustand. Damit schließt sich in »New Reformation« der Kreis der Argumentation: Goodmans Kritik an den professionals steht im Dienst von deren Verteidigung.