“Ich würde gern wissen, was Ihre Auffassung von Zivilisation ist”, grummelte Victor Israel. Er war so erzürnt, dass Roger Zweifel kamen, ob der andere nicht plötzlich seinen altmodischen Revolver aus der Gürteltasche ziehen und auf ihn schießen würde.
“Kurz zusammengefasst, wäre es eine Gesellschaft, in der Privateigentum und individuelle Freiheit respektiert würden”, erläuterte Roger ruhig, innerlich jedoch auf der Hut. [Mario Vargas Llosa, Der Traum des Kelten, S. 202.]
Und das von dem Helden in einem Roman, in welchem es um die Grausamkeiten des Kolonialismus im Kongo und in Peru geht (wo doch jeder anständige Deutsche weiß, dass die Grausamkeiten des Kolonialismus auf das Konto der westlichen Werthaltungen von Privateigentum und individueller Freiheit, kurz Kapitalismus, zurückzuführen sind).
Wenn es nicht von MVL wäre, würde ich den Roman uneingeschränkt ein geniales Werk nennen. Aber im Zusammenhang von MVLs Lebenswert bis dato ist es leider kein meisterliches Alterswerk geworden.
Episch erzählt wie “Das böse Mädchen”. Aber in “Das böse Mädchen” gibt es das Geheimnis des bösen Mädchens, die obsessive Liebe des braven Hauptprotagonisten und ein zu Tränen rührender Schluss. Im “Traum des Kelten” gibt es kein Geheimnis. Alles ist von den ersten Seiten an klar. Auch dass er am Ende tapfer durch Hinrichtung sterben wird.
Zwei Zeitebenen, die Gegenwart (Roger wartet im Gefängnis auf die Hinrichtung oder auf die Begnadigung) und die Erinnerung (Rogr im Kongo, Roger in Peru), wie in “Der Fisch im Wasser”, “Das Fest des Ziegenbocks”, “Der Geschichtenerzähler”. Aber die Gegenwarts-Ebene gibt einfach wenig her. Berührende Seitengeschichten wie der englische Sheriff, der Roger hasst und als Kollaborateur mit den Deutschen (erster Weltkrieg) für den Tod seines Sohnes mitverantwortlich macht und der Roger dann am ersten Todestag seines Sohnes als barmherzige Tat eine unerlaubte Vergünstigung (Waschen mit Seife) zukommen lässt, werden allzu lapidar am Rande erzählt.
Die Spannung zwischen unmenschlichem Zivilisationsstreben einerseits und grausamer Rückständigkeit andererseits wie in “Der Geschichtenerzähler”, “Tod in den Anden”, “Das grüne Haus”; aber im “Traum des Kelten” versucht MVL so sehr auf der guten, politisch korrekten Seite zu bleiben, dass er die Rückständigkeit und ihre Schrecken kaum thematisiert.
Grausamkeiten wie in “Der Krieg am Ende der Welt” und “Das Fest des Ziegenbocks”, aber im “Traum des Kelten” distanziert nur im Gespräch präsentiert.
Meisterhaft ist vor allem die verquere Logik des Widerstandes: Roger, der britisch aufgewachsene Ire, lernt über die Leiden der kolonialisierten Völker, sich als Ire zu identifizieren und will zum Befreiungskampf beitragen. Zu diesem Zweck versucht er sich an einer Intrige mit Deutschland (womit die irischen Freiheitskämpfer jedoch eher Probleme haben), gerät zwischen die Fronten und wird dann in England zum Tode verurteilt. Um ihn auch moralisch zu erledigen, veröffentlicht der britische Geheimdienst homosexuelle Fantasien aus Rogers Tagebuch*. In der Tat führt dies dazu, dass Roger nicht als Held des irischen Freiheitskampfes von den katholischen Iren verehrt, sondern schamvoll verschwiegen wird.
Also alles in allem ein lesenswertes und informatives Buch, wenn auch nicht das beste von MVL.
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*Das ist die Theorie von MVL. Im Nachwort zeigt er auf, dass es auch die Möglichkeit gibt, die Tagebücher insgesamt für ein Produkt vom britischen Geheimdienst zu halten. Oder eben für echt und für Berichte von wirklich Vorgefallenem. MVL entscheidet sich dafür, dass Roger in den Tagebüchern seine Fantasie ausbreitet, die er sich auszuleben nicht traut.