keineforderungistauchneforderung

Durch den Kommentar von Claus zum Eintrag “As We Go Marching” angeregt habe ich die Wiki- und andere Artikel zu Occupy Wall Street noch mal angeschaut. Immer wieder wird betont, die Bewegung sei “bunt” und es würde keine einheitliche Forderungsstruktur geben (in welcher Bewegung gibt es diese?). Damit hebelt man jede inhaltliche Auseinandersetzung mit einer bestimmten Forderung aus.

Jedoch hat diese (scheinbare) Forderungslosigkeit Konsequenzen. Denn es handelt sich um Proteste. Irgend etwas treibt die Leute an, gemeinsam auf die Straße zu gehen. Sehr diffus verbindet sie der (verständliche) Wunsch nach einem Ende der Krise und das (durchaus kritikwürdige) Ideal einer “größeren Gleichheit”.

Wenn nun weder eine gemeinsame Analyse von den Ursachen der Krise noch eine gemeinsame Forderung, wie die Krise zu überwinden sei, angenommen werden darf, wird die Bewegung zum gefundenen Fressen für das Angebot jedweden “starken Mannes” (sprich: jedweden charismatischen Machtpolitikers, der bereit ist, das ganze Gewaltpotenzial für sich, seine Interessen und seine Klientel zu aktivieren, das der Staat zur Verfügung stellt). Wer das beste=stärkste Angebot macht, vermag es, die Bewegung für sich zu instrumentalisieren bzw. aufzulösen.

Auch das scheint mir, soziologisch gesehen, auf Frühstadien einer faschistischen Bewegung hinzuweisen. Sie ist eben noch auf der Suche nach dem Führer. Liberale und Anarchisten sollten sich nicht zu nützlichen Idioten dieser Bewegung machen, sondern weiter daran arbeiten, dass die Menschen verstehen, wie die Krise zustande gekommen ist: Kriegerische und wirtschaftliche Interventionen, Expansion des öffentlichen Sektors, Korporatismus, Steuern, Staatsverschuldung, Inflation.

As We Go Marching

Die Occupy Wall Street Bewegung ist, soziologisch gesehen, klassisch faschistisch. Die von der Krise bedrohten Kleinbürger verlangen nicht wie die (Staats-) Sozialisten generelle Verstaatlichung oder wie die (Staats-) Kommunisten Sozialisierung von allem Eigentum, sondern machen Juden=Spekulanten für die Krise verantwortlich: Für die Krise halten sie die unruhigen Märkte, die in Wirklichkeit dabei sind, die staatlich verursachten Probleme so gut wie möglich auszugleichen. Als Lösung wird die durchgreifende staatliche Regulierung der Märkte angesehen: Die Idee dahinter ist Eigentum ohne Markt. Hartnäckig weigern sie sich anzuerkennen, dass die akute Krise die dem Krieg notwendig folgende Rezession darstellt: Werte, durch Inflation finanziert, sind vernichtet worden und dies hat unweigerlich zur Folge, dass der Lebensstandard sinken muss. Die Krise löst Verteilungskämpfe aus, denn die Frage lautet, bei welchen Personengruppen der Lebensstandard sinkt. Hartnäckig weigern sie sich anzuerkennen, dass die Politiker und Parteien, die sie selbst gewählt und deren Kriege sie mit Hurra und moralischer Rechthaberei legitimiert haben, die Krisenursachen darstellen. Im Gegenteil, von ihnen wird die Lösung erwartet. Auch darin ist die OWS-Bewegung (gleiches gilt für die Protest-Bewegung in Griechenland) faschistisch: In ihr drückt sich als scheinbar spontaner Straßenprotest das Interesse der Herrschenden aus. Denn wenn die Forderungen der OWS-Bewegung durchgesetzt werden, werden genau die Leute, die die Bewegung tragen, weiter verlieren, während die herrschende Klasse aus Staatslenkern und Staatskapitalisten als Sieger dastehen. Ob die bürgerlichen Freiheiten dann jedoch noch so weit intakt sind, dass sich neuerlicher Protest wird artikulieren können, steht dahin. Denn die Liquidierung des Liberalismus steht ganz oben auf der Tagesordnung von OWS, Obama, Merkel und wie sie alle heißen.

wiekanndassein

Wie kann das sein, dass Leute meinen, sich auf Marx beziehen zu dürfen, da glauben, das Verpulvern und Vernichten von Werten fördere den Wohlstand? Dass das Wachstum vom Staat mehr Freiheit und nicht mehr Repression bedeutet? Die nicht klar und deutlich Stellung beziehen, die gegenwärtige Krise sei eine Wirkung davon, dass Kriege geführt wurden, die Milliarden von Werten verschlungen haben? Dass die Krise nicht eine Wirkung von Finanztransaktionen – die allerhöchstens den Status von Überbau haben – ist, sondern von Staatshandeln? Dass die Kriege Werte verschlungen haben, die nun in den ärmsten Gebieten der Welt zu Hunger führen? Die in den Metropolen des militärisch gesicherten Wohlstandes zu Krisen führen? Wie kann es sein, dass unspezifisch “Wall Street” besetzt werden soll und dass nicht ganz spezifisch die Zentren des militärisch-industriellen Komplexes zum Angriffsziel gemacht werden müssten? Die herrschende Ideologie hat die vielbeschworenen “99%” so sehr im Griff, dass diese sich nicht etwa gegen die Peiniger und Ausbeuter richten, sondern gegen diejenigen, die ihnen das, was ihnen an Wohlstand bleibt, beschaffen gegen die widrigsten Umstände, die die Bürokraten aufrichten.

Wenn es eine Hoffnung, wenn es eine Zukunft gibt, dann unter dem Motto KAPITALISMUS ODER BARBAREI. Nur das kann die Parole sein, unter der zu kämpfen sich lohnt.

Kapitalismus bedeutet:

- Toleranz,

- Freiheit und Frieden,

- Wohlstand

für ALLE.

Staat bedeutet:

- Enteignung,

- Verfolgung und Tod,

- Armut

für ALLE.

MIRIAMSLIED

 

Das MIRIAMSLIED als eBook für Kindle und Apple. Mein Sorgenkind als eBook. Extra dafür einen Kindle angeschafft. Ist natürlich kein Buch. Leseeigenschaften sind erstaunlich gut. Schleierhaft bleibt mir, warum die Darstellungsästhetik noch weit hinter einem solchen Horrorprogramm wie Word hinterherhinkt. Umbruch katastrophal, keine Absatzkontrolle. Das sollte sich doch programmieren lassen. Aber zurück zum Text.

Irgendwann, es muss 2006 gewesen sein, fragte mich Herr Emons vom gleichnamigen Verlag, ob ich einen Roman zur Eröffnung für seine geplante neue lokal angesiedelte Fantasy-Reihe  schreiben wollte. Als ich Ja sagte, entstand ein für mich verhängnisvolles* Missverständnis. Er dachte, ich würde etwas Seichtes schreiben nach der Art, Engel ermittelt in einem Kölner Mordfall und vielleicht treten auch noch ein paar Teufel und Feen auf. Ich dachte, er fragt mich, weil er nach etwas Besonderem sucht. Dumm gelaufen, für ihn ohne Konsequenzen, für mich sehr wohl, weil mit dem „Miriamslied“ die Zusammenarbeit endete.

Andreas hat mir damals erklärt, warum:

was dir im wege steht, ein modischer (=erfolgreicher) schriftsteller zu werden, ist dein respekt. selbst vor deinen erfundenen figuren hast du ihn – bis zur diskretion. ich hatte das in der vergangenheit als “vernunft” bezeichnet, als unspannerhaftes gelten lassen selbst des fremdesten.

nimm z.b. deine rattenköpfige schönheit: du stellst sie nicht bloss, indem du sie vor einem pornovideo im internet onanieren lässt, im orgasmus noch ihren verdammten rattenkopf orgiastisch verfluchend; du lässt sie nicht, unter einer vergitterten burka (hat auch ‘n terminus technikus, hab ich aber vergessen) in eine disco gehen und ihrem extasybegeisterten begatter im letzten moment die spannkraft spontan vergehen, wenn die rattenbarthaare erregt ihre umzäunung verlassen – coitus interruptus rattiensis. all das: NICHT!!!

das aber wäre genau die erfordernis, skandalös zu sein (wie die feuchtgebiete, das fleckenteufel-double und der scheiss).

gleichzeitig wird aber auch dein traum einer toleranten welt (der jeder deiner figuren irgendwie und irgendwann ein mildes licht schenkt) zu naiv (was – bitte – kein schimpfwort ist!) in szene gesetzt: die akrobatik der anspruchsvollen gutmenschen ist dir nicht eigen. deine vorstellung von ‘gut’ ist zu gebrochen, zu verständnisvoll, zu genau wissend, dass ‘gut sein’ unmöglich ist und dennoch die einzige option, die ein freier mensch bedenkenlos wählen kann. du bist einfach zu einfach, zu geradeheraus – und das, ohne das ‘geradeheraus’ noch modisch-närrisch im bilde des existenziell verzweifelnden narren zu brechen.

du bist durch deine einfachheit zu kompliziert und durch deine menschenliebe (die sogar vor laptop-leibern nicht halt macht) zu unspektakulär.

Neugierig? Ich finde den Roman auch heute noch außergewöhnlich. 4,99 € sind nicht viel, also schaut mal hinein und sagt, was ihr denkt. Und wer immer daraus ein nettes kleines Taschenbuch machen möchte: Bitte melden …

——–

* Wie immer mann es nimmt. Künstlerisch habe ich angefangen, Gedichte und andere verrückte Sachen zu schreiben, von denen demnächst noch etwas erscheint (ich werde berichten) und das meiste noch (altmodisch gesagt) in der Schublade liegt, genauer gesagt: auf der Festplatte der Dinge harrt, die da kommen mögen.

Hat sich wer täuschen lassen?

Jetzt steht die Einigung: Einen Tag, nachdem die Regierung in der Slowakei wegen des Streits über die Euro-Rettung zerbrochen ist, hat sich Premierministerin Radicova mit der Opposition geeinigt. Noch in dieser Woche soll die Aufstockung des Hilfsfonds EFSF beschlossen werden. [Hier.]

War wohl nichts mit aufrechtem Widerstand letzter Liberaler in Parlamenten und Regierungen. Sondern politics as usual. Machtpolitik. Schminkt euch die Illusion ab, dass Politik etwas in die richtige Richtung bewegen kann.

 

dieandereseite

Afghanistan-Einsatz gescheitert: Die Taliban werden rasch wiederkommen. Geschichte wiederholt sich, diesmal leider wohl nicht als Komödie. In den letzten Tagen habe ich Filme angeschaut, bei denen am Rande der Vietnamkrieg vorkam (über Paul Goodman, Jim Morrison, John Lennon). Mir wurde klar, dass die Eindeutigkeit, mit der der Protest sich gegen den menschenverachtenden Einsatz der USA richtete, nur durch Ausblendung der anderen Seite aufrecht erhalten werden konnte. So ist zwar die eine Feststellung, dass der Weltpolizist darum nichts aus der Serie gescheiterter Einsätze für Frieden und Freiheit lernt, weil es gar nicht um Frieden und Freiheit geht – aber die entscheidende theoretische Frage lautet für mich: Warum opfern sich die Menschen im Widerstand offensichtlich so freigiebig für menschenverachtende Ziele? Warum nicht für Frieden und Freiheit? Warum sterben die Märtyrer für das Ziel, andere Menschen auszurauben, ihnen das Wirtschaften zu verbieten, ihnen ihren Glauben zu verbieten, ihnen ihr Leben vorschreiben zu können? Warum übt das Ideal der Talibanisierung auch in den geografischen Räumen der liberalen Tradition eine solche Anziehungskraft aus. Sei es der Protest in Griechenland oder an der Wall Street: Man schreit nach mehr von der Medizin, die die Probleme, gegen die man behauptet, zu protestieren, geschaffen hat. Staat. Mehr Staat. Noch mehr Staat.

Der Traum des Kelten

“Ich würde gern wissen, was Ihre Auffassung von Zivilisation ist”, grummelte Victor Israel. Er war so erzürnt, dass Roger Zweifel kamen, ob der andere nicht plötzlich seinen altmodischen Revolver aus der Gürteltasche ziehen und auf ihn schießen würde.

“Kurz zusammengefasst, wäre es eine Gesellschaft, in der Privateigentum und individuelle Freiheit respektiert würden”, erläuterte Roger ruhig, innerlich jedoch auf der Hut. [Mario Vargas Llosa, Der Traum des Kelten, S. 202.]

Und das von dem Helden in einem Roman, in welchem es um die Grausamkeiten des Kolonialismus im Kongo und in Peru geht (wo doch jeder anständige Deutsche weiß, dass die Grausamkeiten des Kolonialismus auf das Konto der westlichen Werthaltungen von Privateigentum und individueller Freiheit, kurz Kapitalismus, zurückzuführen sind).

Wenn es nicht von MVL wäre, würde ich den Roman uneingeschränkt ein geniales Werk nennen. Aber im Zusammenhang von MVLs Lebenswert bis dato ist es leider kein meisterliches Alterswerk geworden.

Episch erzählt wie “Das böse Mädchen”. Aber in “Das böse Mädchen” gibt es das Geheimnis des bösen Mädchens, die obsessive Liebe des braven Hauptprotagonisten und ein zu Tränen rührender Schluss. Im “Traum des Kelten” gibt es kein Geheimnis. Alles ist von den ersten Seiten an klar. Auch dass er am Ende tapfer durch Hinrichtung sterben wird.

Zwei Zeitebenen, die Gegenwart (Roger wartet im Gefängnis auf die Hinrichtung oder auf die Begnadigung) und die Erinnerung (Rogr im Kongo, Roger in Peru), wie in “Der Fisch im Wasser”, “Das Fest des Ziegenbocks”, “Der Geschichtenerzähler”. Aber die Gegenwarts-Ebene gibt einfach wenig her. Berührende Seitengeschichten wie der englische Sheriff, der Roger hasst und als Kollaborateur mit den Deutschen (erster Weltkrieg) für den Tod seines Sohnes mitverantwortlich macht und der Roger dann am ersten Todestag seines Sohnes als barmherzige Tat eine unerlaubte Vergünstigung (Waschen mit Seife) zukommen lässt, werden allzu lapidar am Rande erzählt.

Die Spannung zwischen unmenschlichem Zivilisationsstreben einerseits und grausamer Rückständigkeit andererseits wie in “Der Geschichtenerzähler”, “Tod in den Anden”, “Das grüne Haus”; aber im “Traum des Kelten” versucht MVL so sehr auf der guten, politisch korrekten Seite zu bleiben, dass er die Rückständigkeit und ihre Schrecken kaum thematisiert.

Grausamkeiten wie in “Der Krieg am Ende der Welt” und “Das Fest des Ziegenbocks”, aber im “Traum des Kelten” distanziert nur im Gespräch präsentiert.

Meisterhaft ist vor allem die verquere Logik des Widerstandes: Roger, der britisch aufgewachsene Ire, lernt über die Leiden der kolonialisierten Völker, sich als Ire zu identifizieren und will zum Befreiungskampf beitragen. Zu diesem Zweck versucht er sich an einer Intrige mit Deutschland (womit die irischen Freiheitskämpfer jedoch eher Probleme haben), gerät zwischen die Fronten und wird dann in England zum Tode verurteilt. Um ihn auch moralisch zu erledigen, veröffentlicht der britische Geheimdienst homosexuelle Fantasien aus Rogers Tagebuch*. In der Tat führt dies dazu, dass Roger nicht als Held des irischen Freiheitskampfes von den katholischen Iren verehrt, sondern schamvoll verschwiegen wird.

Also alles in allem ein lesenswertes und informatives Buch, wenn auch nicht das beste von MVL.

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*Das ist die Theorie von MVL. Im Nachwort zeigt er auf, dass es auch die Möglichkeit gibt, die Tagebücher insgesamt für ein Produkt vom britischen Geheimdienst zu halten. Oder eben für echt und für Berichte von wirklich Vorgefallenem. MVL entscheidet sich dafür, dass Roger in den Tagebüchern seine Fantasie ausbreitet, die er sich auszuleben nicht traut.

Gefahr im Verzug

Von einer Gesellschaft “ohne Opposition” sprach Herbert Marcuse, von einem “Faschismus durch Konsens” sprach Ayn Rand, von einem “Faschismus der Mehrheit” sprach Paul Goodman: 1960er Jahre, Kennedy, Johnson, “Great Society”, Vietnamkrieg, Ausbau de Sozialstaates, Ausufernde Bürokratie und Zentralismus, Angriffe auf bürgerliche Freiheiten und auf den demokratischen Prozess im Sinne von friedlicher Auseinandersetzung zwischen unterschiedlichen Standpunkten. Mit den Ansätzen von Marcuse, Rand und Goodman, gerade in ihrer theoretischen Inhomogenität, kann man die gegenwärtige Lage, das entehrende Schauspiel gestern im Bundestag analysieren.

Die Herrschenden sind so nervös, dass sie reagieren, als hießen sie Gaddafi, Kim Jong Il, Stalin, Hitler & Co. Obwohl sie über eine solide Mehrheit (die sie übrigens sich einiges haben kosten lassen) verfügen, meinen sie, dass allein schon das Aussprechen einer abweichenden Meinung den Untergang nicht nur des Abendlandes, sondern sogar der ganzen Welt herbeiführt. Mit der FDP wollen sie den Liberalismus ein für allemal liquidieren. Anstatt “wehrlos, aber nicht ehrlos” (danke DDH für die Erinnerung an Otto Wels, den mutigen Sozialdemokraten, dem ein Ehrenplatz in jeder liberalen Heiligengalerie gebührt) unterzugehen, helfen die meisten Hanseln der FDP sogar dabei mit, auch die letzte Erinnerung daran, dass es mal soetwas wie einen Liberalismus gegeben hat, zu beseitigen, weil sie wie lichtgeile Motten um die Macht flattern, an der sie meinen, Anteil erlangen oder behalten zu können, während sie in Wirklichkeit verbrennen.

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