Luther subversiv

Fundstück. Der Soziologe und Filmkritiker Siegfried Kracauer (1889-1966) hat sich direkt nach dem Erscheinen der ersten Folge von Martin Bubers (1878-1965) und Franz Rosenzweigs (1886-1929) Verdeutschung der Bibel 1926 kritisch mit deren Sprache auseinandergesetzt.[1] Zur Veranschaulichung zitiere ich den Beginn der Genesis in drei Übersetzung:

Luther: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erden und die Erde war wüst und leer und es war finster auf der Tiefe und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.

Einheitsübersetzung: Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde, die Erde aber war wüst und wirr, Finsternis lag über der Urflut, und Gottes Geist schwebte über dem Wasser.

Buber-Rosenzweig: Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. Die Erde aber war Irrsal und Wirrsal. Finsternis über Urwirbels Antlitz. Braus Gottes schwingend über dem Antlitz der Wasser.

Luther schrieb subversiv, sagte Siegfried Krakauer, um die Schrift der Interpretationshoheit der kirchlichen Hierarchie zu entreißen. Er bemühte sich in den Grenzen seiner Möglichkeiten um philologische Präzision, aber er nutzte die Sprache des Volkes, damit die Schrift zum Volk sprechen konnte. Sein Grundsatz lautete, nur ja keine »Schloss- und Hofwörter« zu verwenden. Die Einheitsübersetzung kannte Kracauer noch nicht, sondern bezog sich auf damals unternommene Versuche einer historisch korrekten Übersetzung. Diese Versuche historisch korrekter Übersetzungen lesen sich über weite Strecken bürokratisch und uninspiriert.

Was ist nun mit der Buber-Rosenzweig-Verdeutschung? Das Programm von Martin Buber und Franz Rosenzweig bestand darin, im Deutschen die Eigenarten des Hebräischen so genau wie möglich nachzubilden.

Heraus­gekommen ist nach Kracauer etwas ganz anderes. Die Sprache bedient sich an vielen Stellen höfischer Wendungen, ist also die sprachliche Nach­bildung des Feudalismus, oder sie lehnt sich an altdeutsche Worte an, die eher den Eindruck einer nordischen Sage denn eines jüdischen Religionsdokuments machen. Wie in heutigen Fantasy- oder Mittel­alter-Zyklen erfinden sie archaisierende Worte, die den Eindruck von Authentizität erwecken sollen, schließen aber gerade dadurch Authentizität aus. Kracauers Urteil kannte keine Gnade: Die Buber-Rosenzweig’sche Verdeutschung der Schrift sei ohne Aktualität, ideologisch rückwärtsgewandt, ja reaktionär; ob Siegfried Kracauer den Übersetzern nach 1930 noch »völkische Romantik« (S. 182) vorgeworfen hätte, weiß ich nicht.



[1] Siegfried Kracauer, Die Bibel auf Deutsch (1926), in: ders., Das Ornament der Masse, Frankfurt/M. 1977, S. 173ff. | Die Ver­deutschung der Bibel ist komplett erschienen z.B. Heidelberg 1976.

Frisch ausgepackt

In neuer Ausgabe: Petrus Abaelardus, Scito te ipsum: Erkenne dich selbst, das nur fragmentarisch erhaltene Spätwerk (eigentlich »Ethica seu Scito te ipsum«, also Ethik, oder: Erkenne dich selbst). Es ist der Abschlussband der dritten Folge der Fontis Christiani, soweit sie bei Brepols erscheint; wird woanders weitergeführt, aber nur mit kirchenhistorischen Schriften, keine philosophischen mehr darunter, soweit ich den Editionsplan verstanden habe (darum habe ich das Abo gekündigt). Über dieses Buch, mit dem Abaelard die Ethik als eigenständiges philosophisch-theologisches Gebiet wiederentdeckt, hatte ich im Laufe der ff-Zeit schon ein- oder zweimal geschrieben. Weil’s so schön ist, zitiere ich noch mal einige bahnbrechende Gedanken:

 »Jemand fragt vielleicht: Haben die Verfolger der Märtyrer oder Christi überhaupt gesündigt? Denn durch das, was sie getan haben, glaubten sie, Gott zu gefallen. Von dem, was sie getan haben, hätten sie umgekehrt gar nicht ohne Sünde ablassen dürfen. […] In der Tat können wir nicht sagen, jene hätten gesündigt. Weder Unwissenheit noch Ungläubigkeit darf ›Sünde‹ genannt werden […]. Jene nämlich, die Christus nicht kennen oder die den christlichen Glauben deshalb nicht annehmen, weil sie ihn für gotteswidrig halten, begehen mit dem, was sie wegen Gott tun und worin sie meinen, Gutes zu tun, keine Verachtung Gottes. […] Wenn wir uns [also] nichts gegen das Gewissen vornehmen, haben wir keinen Anlass zu befürchten, von Gott wegen einer Schuld unter Anklage gestellt zu werden. Aber […] wieso betet der Herr selber für die ihn Kreuzigenden und sagt: ›Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun‹ [Lk 23,34] […]? Es scheint nämlich nicht, dass vergeben werden muss, wo keine Schuld vorangegangen ist. […] Dennoch denken wir, dass ›Sünde‹ im eigentlichen Sinne […] nur jenes genannt werden kann, was die Schuld der Geringschätzung [Gottes] auf sich lädt […]. Unglauben, also den wahrhaften Glauben an Christus zu verweigern […], darf meines Erachtens nicht als Schuld angerechnet werden. […] Wenn wir dennoch etwas ›Sündigen aus Unkenntnis‹ nennen, […] so verwenden wir [den Begriff des ›Sündigens‹] an dieser Stelle nicht eigentlich für die Schuld, sondern nehmen nämlich im weitesten [Sinne] das hinzu, was sich am wenigsten gehört […]. Unschuldig tun, was sich für uns nicht gehört, ist also ›aus Unwissenheit sündigen‹.« (Aus den Abschnitten 13 und 16. Für die Lesbarkeit bearbeitet.)

Nicht nur, dass Abaelard Unglauben ausdrücklich als keine Sünde kennzeichnet, scheint mir bemerkenswert, sondern auch die Art, in der er den Herrn für ein Wort, zumal am Kreuz in höchster Pein ausgerufen, linguistisch maßregelt: Er habe hier offenbar im uneigentlichen Sinne gesprochen. Zwei Mal, nämlich 1121 und 1141, kurz vor seinem Tod, werden Schriften von Abaelard als ketzerisch verbrannt.

Falls der umfangreiche wissenschaftliche Apparat des Buches noch irgend etwas Bemerkenswertes hergibt, werde ich berichten.

systemerhaltend

auf die frage, was gesellschaften zusammenhält, antwortet dirk baecker mit der formulierung von drei minimalbedingungen:

“Die erste Minimalbedingung lautet, dass es weitergeht. Und die zweite lautet, dass das, was da weitergeht, nach wie vor als Gesellschaft (und nicht als etwas ganz anderes) erkennbar ist.
Eine dritte Minimalbedingung ist in den ersten beiden bereits enthalten: Offensichtlich mus es eine Erkenntnisleistung geben, die die Gesellschaft als Gesellschaft wiedererkennt; und offensichtlich muss diese Erkenntnisleistung die Reproduktion der Gesellschaft begleiten [...].” (Studien zu nächsten Gesellschaft, stw 1856, S.149)

interessant ist dabei, dass keine inhaltlichen aussagen getroffen werden, sondern ein maschinengleicher funktionalismus als menschenkitt gedacht wird. dieser funktionalismus ist auf jedes system anwendbar.

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stattwahl

Griechenland muss dringend ein Haushaltsloch stopfen. Die Regierung Papandreou erfindet eine Steuer, die die ineffizienten Finanzbehörden umgeht. hier.

Im Goodman-Film sieht man folgende Szene: Nach einer Wahl (1968?) sagt Paul Goodman (sinngemäß): “Wenn sich im demokratischen Prozess herausstellt, die Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung sei einer solchen Gehirnwäsche unterzogen worden, dass es ihr egal ist, ob wir in Vietnam einen Krieg führen, habe ich einfach kein Heimatland mehr.”

In Berlin hat sich gezeigt (und lässt für kommende Wahlen Schlimmstes befürchten), dass trotz absurder Entwicklungen im sich überschlagenden Spätetatismus (wie die possenreife Meldung oben belegt) die etatistischen Parteien die Pfründe unter sich aufteilen können – während die Partei, die wenigstens noch ein Erinnerung an Liberalismus an sich haften hat,* weniger Stimmen als die NPD bekommt. Eine solche Wählerreaktion kann nicht anders als durch gelungene Gehirnwäsche erklärt werden. Schöne neue Welt.

—–

* Um keine Zweifel aufkommen zu lassen: Die FDP hat sich ihr schlechtes Abschneiden redlich verdient. Aber leider wird ihr schlechtes Abschneiden als Niederlage des Liberalismus gedeutet und die Selbstabschaffung der FDP scheint leider auch nicht einer anderen – echten – liberalen Kraft Platz zu machen.

wahlimpulsgebung

politics

googles algorithmus

wahrscheinlich hat google gar keinen richtig eigenen algorithmus (geheimnis! geheimnis!), sondern lebt von dem gerücht, es habe einen: sein erfolgsgeheimnis habe die form eines algorithmus. die folge dieses gedünkes? jeder depp, der oben stehen will in der suchhierarchie, sucht. und auch jeder nichtdepp. und alle suchen, bilden interne algorithmen, probieren, versuchen, testen + optimieren nach den scheinfolgen der algorithmenwahl. tausende einzeloptimierer helfen absichtslos dem einen, der richtig kohle damit macht, dass er anderen beim optimieren zusieht.

war mal so eine idee …

Eine Statue für Guido

Die Rebellen wollen in Libyen einen Rechtsstaat aufbauen, die islamische Rechtsprechung Scharia soll dabei die Grundlage bilden. Hier.

Wann werden die grünen Bellizisten zur Hölle geschickt? Wann wird Guido eine Statue gesetzt? Wenn die ersten Köpfe rollen für “Abfall vom Islam”? Wenn sie Geiseln genommen haben? Wenn Frauen, die sich bilden wollen, getötet werden?

Regierungssturz, Aufstand, Revolution, Nationale Befreiung – stets ist es ein wichtiges Fanal, wenn die Bevölkerung einem Regime deutlich macht, dass Duldung ihre Grenzen hat. Dennoch wissen wir inzwischen, dass das, was folgt, nicht besser sein muss. Ja, leider lehrt die Erfahrung, dass es sogar immer auch noch schlimmer kommen kann. Cuba, Vietnam, Rhodesien/Zimbabwe, Chile, Nicaragua, Persien/Iran – meine Güte, wenn man beginnt, fallen einem immer noch mehr schlimme und schreckliche Beispiele ein, ob nun links- oder rechtsgestrickt. Fragen wir uns umgekehrt: Gibt es überhaupt ein positives Beispiel neben der amerikanischen Revolution?* Ich bin für Antworten offen.

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