In Deutschland geht, wie in allen Industrieländern, die “Einkommensschere” weiter auseinander: Die Reichen werden reicher, die Armen werden ärmer. Selbstverständlich ist das für die üblichen Verdächtigen und für den Volksmund wiederum ein Indiz der Bösartigkeit von giergetriebenem Turbokapitalismus und kaltherzigem Neoliberalismus. Dass das Auseinandergehen der “Einkommenschere” eher mit der zunehmenden Staatstätigkeit korreliert als mit irgendetwas anderem, wird wohlkalkuliert unterschlagen; es ist sicherlich möglich, die Einkommensschere als “Sozialismus-Index” zu nutzen: Je größer die Unterschiede, um so stärker der Interventionismus. Aber ich will hier doch mal das Konzept der “Einkommensschere” selbst untersuchen:
1. Kein (armer) Mensch leidet am Einkommensunterschied an sich. Er leidet an seiner Armut. Hört sich banal an, es wird sich zeigen, dass es diese Einsicht in sich hat, denn:
2. Eine Nivellierung der Einkommen auf das Armutsniveau würde niemanden glücklicher machen.
3. Strategien der Umverteilung, die den Reichen nehmen, um den Armen zu geben, müssen demnach davon ausgehen, dass die Umverteilung den Lebensstandard der Armen dauerhaft anhebt.
4. Wenn dagegen die Umverteilung zu (2) führt (Nivellierung auf Armutsniveau), folgt aus (1), dass es sich um eine schlechte Strategie handelt.
4a. Dass Umverteilung den Wohlstand senkt, weil verteilter Wohlstand sich nicht von selbst reproduziert, ist eine Aussage der ökonomischen Theorie (nicht nur der Österreicher, sondern auch der Marxisten – nur Keynes war da der Meinung von Robin Hood, und Keynes Aussagen haben nicht den Status einer Theorie).
4b. Dass Umverteilung zur Abwärtsnivellierung für viele führt (während einige wenige profitieren), ist eine empirisch festgestellte Folge.
5. Aus (1) folgt vor allem: Die Lage der Armen ist völlig unabhängig von ihrer Relation zur Lage der Reichen zu betrachten. Die Frage lautet nicht, unter welchen ökonomischen Bedingungen die Einkommensunterschiede am geringsten sind, sondern unter welchen ökonomischen Bedingungen sich die Lage der Armen am schnellsten und am meisten verbessert.
6. The winner takes it all: Freie Märkte, freies Handeln, freies Denken.
7. Dass unter dieser ökonomischen Bedingung dann auch noch die Einkommensunterschiede geringer ausfallen als unter der Bedingung von Umverteilung und Interventionismus, ist dann nur noch das zusätzliche Sahnehäubchen.

nl
Es hilft offensichtlich nicht zu erwarten, dass man denjenigen mit der Schere im Kopf Portionen von Vernunft verabreichen könnte, damit sie die Schere loswerden. Die Schere müsste schon operativ entfernt werden, aber eine medizinische Lösung gibt dafür bislang nicht.
Das Gerechtigkeitsempfinden ist angeboren und entstammt offensichtlich der evolutionären Anpassung der Menschen bis in die Zeit des Cro Magnon. Also aus der Lebensweise von mehr oder weniger kollektiv organisierten Sammler- und Jäger-Gruppen, die ihr Essen sinnvoll aufgeteilt haben.
Wenn nun dieses Steinzeitverhalten eingeprägt ist, was hilft es dann zu erklären, dass es unvernünftig ist? Man müsste schon erklären, wie man die Emotionen los wird. Dafür braucht man Psychopharmaka und gleichzeitig die Bereitschaft das Zeug freiwillig einzunehmen. Beides nicht erwarten. Oder man braucht ein neues Machtverhältnis, dass politische Herrschaft unmöglich macht. Dann ist es wurscht, wieviel Psychopathen frei herumlaufen. Sie müssten sich dann aus eigenem Interesse an Marktregeln halten.
Spiessbraten
Interessant finde ich folgenden Punkt in den OECD-Bemerkungen zu Deutschland:
“Like in most other countries, the divide in hours worked between higher- and lower-wage earners is growing.
Since the mid-1980s, annual hours of low-wage workers fell from some 1000 to 900 hours, while those of
higher-wage workers remained stable at around 2250 hours.”
sascha
Eines muss man den kollektivistischen Gleichmachungsfetischisten aber lassen, ihre “Strategie” im Umgang mit diesem Thema entbehrt nicht einer gewissen Raffinesse:
1) Konsequent gegen jede ökonomische (oder sonstige zwischenmenschliche) Ungleichheit Sturm laufen, mit hochemotionalem Gerechtigkeitspathos Neid und Hass schüren (gerne auch durch eine Portion demokratiefeindlicher Straßengewalt “untermalt”), und den Menschen unaufhörlich einreden dass es furchtbar schlimm sei wenn andere mehr haben als sie…
2) Ländervergleichende statistische Untersuchungen herausgeben, die verkünden: “Seht her, Ungleichheit korreliert mit gesellschaftlichem Unfrieden! Empirisch bewiesen!”
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