Utopie?

So eindeutig, wie Freud am Ende von »Das Unbehagen der Kultur« formuliert und wie ihm unterstellt wird, war er selbst nicht. Kurz vor Ende der Schrift sagt er, er könne »ohne Entrüstung den Kritiker anhören, der meint, wenn man die Ziele der Kulturbestrebung und die Mittel, deren sie sich bedient, ins Auge faßt, müsse man zu dem Schlusse kommen, die ganze Anstrengung sei nicht der Mühe wert und das Ergebnis könne nur ein Zustand sein, den der einzelne unerträglich finden muß«.

Zumindest zwischen den Zeilen schimmert durch, dass ­Aggression nicht nur vom Einzelnen ausgeht, der wegen der kulturellen Hemmung seines Drangs nach Triebbefriedigung zur Aggression neigt, sondern auch von der Gesellschaft (resp. Kultur): »Die Aggression des Gewissens konserviert die Aggression der Autorität«. Wenn also nicht individuelle Aggression gegen die kulturelle Zähmung steht, sondern indi­viduelle Aggression versus soziale Aggression, fragt sich, warum dieser Kampf von vornherein zugunsten der sozialen Aggression entschieden sein soll. Vor allem fragt sich, wie denn die soziale Aggression begrenzt werden könnte. Diese soziale Aggression schafft ja auch nach Freud womöglich einen Zustand, »den der einzelne unerträglich finden muß«. Die soziale Aggression, eingehüllt in das moralische Gut und Böse, ist nicht immer oder vornehmlich im Interesse des Einzelnen: »Ein ursprüngliches, sozusagen natürliches Unterscheidungsvermögen für Gut und Böse darf man ablehnen. Das Böse ist oft gar nicht das dem Ich Schädliche oder Gefährliche, im Gegenteil auch etwas, was ihm erwünscht ist, ihm Vergnügen bereitet. Darin zeigt sich also fremder Einfluß; dieser bestimmt, was Gut und Böse heißen soll«.

Wenn Freud dennoch daran festhielt, den Einzelnen und nicht die Kultur oder Gesellschaft als »neurotisch« zu charakterisieren, so führte er einen ernstzunehmenden methodischen Grund dafür an: »Bei der Einzelneurose dient uns als nächster Anhalt der Kontrast, in dem sich der Kranke von seiner als ›normal‹ angenommenen Umgebung abhebt. Ein solcher Hintergrund entfällt bei einer gleichartig affizierten Masse, er müßte anderswoher geholt werden«. Oder anders gesagt: Aus einer Charakterisierung der Gesellschaft als »krank« ergibt sich notwendig, dass die angenommene »Normalität« eine Utopie ist.

Aber welche Utopie könnte als »normal« gelten? Wilhelm Reich löst dieses methodische Problem, indem er auf den Begriff einer »Natürlichkeit« zurückgreift, der sich ganz in der biologischen Funktion erschöpft. Der Vorwurf, den auch Goodman bisweilen gegen Reich vorgebracht hat, damit würde er die Kulturleistungen herabwürdigen, ist insofern nicht gerecht, weil Reich diese Kulturleistungen immer wieder auch als erhaltenswert preist. Allerdings ist an dem Vorwurf richtig, dass die Kulturleistungen in dem theoretischen Rahmen von Reich nicht erklärbar sind (und nicht als normal-natürlich-biologisch gelten können). Goodman geht diesen Weg nicht: Die Therapie solle so wenig Normen wie möglich aufstellen und dem Klienten nach Möglichkeit nicht der eigenen wissenschaftlichen Theorie der Gesundheit unterwerfen.

Was dann ist die Utopie, auf die hin Goodman von einer »neurotischen Gesellschaft« sprechen kann, die vor dem Anspruch des Einzelnen versagt? Meines Erachtens liegt die Antwort in Goodmans eigentümlichem anarchistischen Pragmatismus: Der Mensch als problemlösendes Tier solle in einer sozialen Umgebung leben, in der er seine Fähigkeit, für sich und für die mit ihm in direktem Kontakt verbundenen Menschen Probleme zu lösen, auch anwenden kann. Dies setzt eine Gesellschaft voraus, die für die kreative Initiative des Einzelnen offener ist, die sich flexibler anpassen lässt und in deren Strukturen eben nicht »alles mit allem zusammenhängt«, sondern lokale und individuelle Sonderwege beschritten werden können. Und dies setzt Menschen voraus, die sich nicht verzweifelt daran klammern, dass die Gesellschaft sie nährt wie die Mutter ihre Kinder. Es wird immer nötig sein, die Umwelt auf sich selbst zuzuschneiden. Oder anders gesagt: Eine Umwelt, in der sich der Organismus gesund entwickeln kann, ist gerade davon gekennzeichnet, dass sie sich vom Organismus auf sich zuschneiden und einverleiben (assimilieren) lässt. Dieses Zuschneiden – Initiative und Zertrümmerung – ist der gute Sinn der Aggression.



3 Reaktionen

Ein sehr wertvoller Beitrag, vielen Dank.

“Aus einer Charakterisierung der Gesellschaft als »krank« ergibt sich notwendig, daß die angenommene »Normalität« eine Utopie ist.” (Freud)
Ein Kernsatz, der den allgemeinen Usus trifft.
Schon der Gedanke einer “Therapie der Gesellschaft” (Blankertz) steht da ja gegen: Irgendwie schwankend zwar zwischen individualisierter Sozialklempnerei und eben der Umkehrung des normativen Gefälles.

Goodmans folgende Forderung verstehe ich dabei sogar auf die persönliche Psychotherapie bezogen:
“Die Therapie solle so wenig Normen wie möglich aufstellen und dem Klienten nach Möglichkeit nicht der eigenen wissenschaftlichen Theorie der Gesundheit unterwerfen.” (Goodman)
Doch kommt Goodman auch nicht ohne Normen aus, und sei es nur diese: “Der Mensch als problemlösendes Tier SOLLE in einer sozialen Umgebung leben, in der er seine Fähigkeit, für sich und für die mit ihm in direktem Kontakt verbundenen Menschen Probleme zu lösen, auch anwenden kann.”

Es beißt die Maus keinen Faden ab: Der Anpassungsdruck der Vielen ist – von außen und von innen – einfach größer als umgekehrt. Die Masse kann auf den Einzelnen verzichten, so brutal ist ihr Kalkül. Der Einzelne geht unter, und die gute Agression wird als nun einmal grundsätzlich nicht akzeptierte Aggression unterdrückt bis zur Vernichtung. Die Welt ist wie sie ist, nicht wie sie sein sollte. Und nicht einmal wie sie sein könnte? Und trotzdem gibt es Utopien, sind sie denkbar. Es ist nicht nur vorstellbar, sondern auch plausibel, daß, wären viel mehr Menschen toleranter und selbstbeschränkter in ihren normativen Forderungen an Andere, es Allen besser gehen würde. Warum solle also die jeweiligen Jetzt-Realitäten normativ sein, und nicht die denkbaren Ideale? Tatsächlich ist ja selbst die normative Kraft des Faktischen gerade nicht immer unverändert geblieben. (Hier spielt die Zeit eine Rolle. Das unterschiedliche Zeitverständnis verschiedener Kulturen – dies nur nebenbei, ist da recht interessant: Es denken nicht alle die Zeit als Linie, als Abfolge. Wir können das kaum anders.)

Ein wenig mehr die utopische Sehnsucht leben – und ein wenig mehr verstehen, warum wir, weder selbst noch andere, das Ideale zu schaffen vermögen. Und gilt es nicht auch, bei allem Blick nach oben, die Füße auf dem Boden zu behalten?

Davon bin ich weit entfernt – und so gehört eben die “soziale Frage” auch dazu. Sich gegenseitig dabei zu stützen, mal zu locken, mal zu deuen. Vor allem mich selbst, aber auch meine Mitmenschen. Und dies vor allen Dingen in einer Art zu gestalten, die das Wertvolle des Vorgangs erkennbar und annehmbar macht. Es gibt noch viel zu lernen.

Soweit meine Gedanken dazu.

Wenn also nicht individuelle Aggression gegen die kulturelle Zähmung steht, sondern individuelle Aggression versus soziale Aggression, fragt sich, warum dieser Kampf von vornherein zugunsten der sozialen Aggression entschieden sein soll.

ist ‘kulturelle zähmung’ nicht ‘soziale aggression’?

natürlich klingt ‘kulturelle zähmung’ leckerer als ‘soziale aggression’ – aber versteckt sich die dialektik der aggression nicht genau in der scheinharmlosigkeit von ‘kultur’?

wer bei ‘kultur’ nur an beethoven oder eigentum denkt, an kant oder kaufmann, der hat – denke ich – einen viel zu kurzen (weil positiven, friedlichen) kulturbegriff.

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