Mir fiel der Brief ein, den Vater fünf Jahre zuvor an mich gerichtet hatte. Er hielt sich beruflich für einige Monate in einer anderen Stadt auf, während ich mich, wie man damals sagte, »politisierte«. Ein bärtiger Junge aus der Oberprima war barfuß und bekleidet mit etwas, das wie ein Bettlaken aussah, in der Schule erschienen. Nie hätte ich mich getraut, ihn anzusprechen. Doch diese Erscheinung gab den Startschusz. Ich entschied, dasz es an der Zeit sei, gegen das Establishment aufzubegehren, was immer »Establishment« heißen mochte. Der Türdrache muszte Vater davon unterrichtet haben, dasz ich dabei sei, das Vorgehen der israelischen Armee während des 6-Tage-Kriegs 1967 und der amerikanischen in Vietnam mit der Judenvernichtung während der Nazi-Zeit zu vergleichen. In dem Brief, den ich daraufhin erhielt, erklärte Vater mir, dasz ein Kollege von ihm die Auffassung vertrete, die Kinder würden mehr den Großeltern als den Eltern ähneln. Er deutete auf seinen Vater und dessen revolutionäre Umtriebe hin, die zwar von »rechts« herrührten, jedoch bedenkliche Parallelen mit meinen neuen Ansichten aufwiesen. Meine Empörung über diese Gleichsetzung war bloß äußerlich. Eigentlich hatte er mich tief gekränkt. »Ich war in Sorge«, sagte Vater. »Und jetzt?« Inzwischen hatten sich seine Sorgen mehr oder weniger zerstreut. Mein Nachdruck aufs Antiautoritäre sichere gegen Führerkult und blinden Gehorsam. »Dennoch«, sagte Vater. Die Aufmärsche, bei denen gemeinsam Parolen gebrüllt wurden, um die komplexen politischen Vorgänge bis zur Unwahrheit zu vereinfachen, stellten eine Form von Autoritätsausübung dar. Denken und Urteilsvermögen des Einzelnen wurden übertönt. Mit diesem Argument erwischte er mich. Dabeisein und Mitmachen sind nicht nur nicht alles, sondern das Böse schlechthin.
Aus: Stefan Blankertz, Die Literatte: Roman, erscheint demnächst.

Andreas Ullrich
ich habe vor ein paar wochen inner glotze beethovens neunte gesehen (mit probenmitschnitten, die viel spannender waren als das ergebnis dann). der letzte satz mit den freudenfunken hat mich (gegen alle ideologischen vorbehalte gegen das gefeierte kollektiv darin) doch wieder einigermassen in den bann gezogen (man merkt mit den ohren halt eben doch, dass ein grosser einzelner den aufmarsch der millionen veranstaltet hat!) – kaum war der letzte ton fast verklungen + die ersten hände rauschten im allgemein leider üblichen applaus, als eine frau, schnieke betucht, in äusserster eile ihren platz ganz vorne links verliess + mit der höchsten geschwindigkeit, die das stöckelschuhpaar ihr gestattete, dem ausgang zustrebte: ich bin mir sicher, sie musste mal gaaaaanz dringend ‘irgendwo’ hin.
ich erzähle das nur, weil es mich für einen augenblick unendlich erheitert hat, mir das widerstrebende innere dieser frau während der aufführung (insbesondere während des letzten satzes, der nicht aufhören zu wollen scheint und mit drängender blase sicher noch gewaltigere ausmasse annimmt) vorzustellen. der kollektive rausch der delirierenden musik, das rhythmisch gebrüllte schillerkulturwertwort – alles nur störend die entsspannung des körpers verhindernd, den inneren trieb blockierend … der einspruch eines nicht-intellektuellen körperorgans gegen den kollektivorgiastischen rausch: so einfach kann kultur im klo ‘runtergespült werden (wahrnehmungstechnisch!).
vielleicht aber habe ich mich auch geirrt und die frau wollte nur einen sitzplatz in der champagnerbar erobern, bevor der übrige plebs dort zum kampieren kommt – keine ahnung. mein erster, automatischer gedanke ist jedenfalls lustiger + hat etwas mit der verletzlichkeit kollektiver emphase zu tun (darum sind kollektive auch immer so sauer, wenn sie lächerlich gemacht werden).
Stefan Blankertz
Sehr schöne Geschichte.
“Beethoven oder die Kunst des Pinkelns” oder so.
Bart
“Was ist das Böse?” –> “Die Aufmärsche, bei denen gemeinsam Parolen gebrüllt wurden, um die komplexen politischen Vorgänge bis zur Unwahrheit zu vereinfachen, stellten eine Form von Autoritätsausübung dar. Denken und Urteilsvermögen des Einzelnen wurden übertönt. Mit diesem Argument erwischte er mich. Dabeisein und Mitmachen sind nicht nur nicht alles, sondern das Böse schlechthin.”
Stimmt, das Böse ist immer unter uns, allerdings unpolitisch korrigierbar.
Stammt der Auszug aus dem Anfang, dem Ende oder aus der Mitte des Romans?